Archiv: Oktober 2010

So Okt 31, 2010

Glosse #20: 50 ist die neue 20

Das ist der 20. Beitrag zum Texttreff-Glossenschreibwettbewerb. Die Glossen werden anonym eingestellt.

Beitrag zum Thema: Ich seh mich schon in 20 Jahren

50 ist die neue 20

Die Luftballons sind der Beweis: Dutzende quietschbunter Bälle, auf denen die Zahl „50“ prangt. Fehlt nur der Zusatz: „endlich erwachsen“. Denn je mehr Häuser auf dem Lande auf Kindergeburtstag dekoriert sind, wenn die Bewohner stattliche 50 werden, desto deutlicher wird auch uns deutlich jüngeren Leuten: 50 ist die neue 20.

Da muss man nicht mehr über den großen Teich blicken, wo Madonna ihren zweiten Frühling zelebriert, mit einem knackigen Jüngling, selbstredend. Die Dorfrundfahrt tut es auch. Oder das Live-Konzert von a-ha, kaum zu glauben, diese knackigen Männer sind alle um die 50. Der Blick in die BILD tut sein Übriges: „Windeln statt Wechseljahre“ titelte Deutschlands direkteste Zeitung erst neulich, im Artikel ging es um eine frischgebackene Mutter süßer Zwillinge, ihr Alter: natürlich 50. Die Botschaft ist also klar: Alles auf Anfang – in einer Lebensabschnitt, in dem die Frau früher Kittelschürze und Hängebrüste trug, zum „Seniorenturnen“ ging und sich auf Enkel freute. In dem der Mann, dickbäuchig und müde, die Tage bis zum Vorruhestand zählte. Doch damals hatte der Staat auch genug Geld für die Renten, das sieht heute anders aus. Was hilft aber besser gegen Krisen als ein kollektives: „Spuckt in die Hände, ihr habt noch sooo viel Zeit“? Und ist es nicht viel staatstragender, wenn Ältere in Fettabsaugen, Fortbildungen und Fitnesscenter investieren, als wenn sie im Lehnsessel TV glotzen und sich auf den Ruhestand freuen?

Also! Wenn es doch erst so spät richtig los geht ... wie entspannt könnten wir kurz nach 30 unser Leben dann gestalten! Dann tut es nicht mehr so weh, nach vollendetem Studium ein unbezahltes Praktikum nach dem anderen zu absolvieren – „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“, tja, werden aus den Jahren eben Lehrjahrzehnte. Oder für die, die in Sachen Partnerschaft eine Niete nach der anderen ziehen: Madonna hatte da auch so ihre Fehlgriffe, und wenn man mit Ende 40 noch schwanger werden kann ... Diejenigen unter uns, die trotz des vergleichsweise unreifen Alters bereits Kinder großziehen, dürfen es nun entspannt angehen. Warum sich im Spagat zwischen Familie und Job aufreiben, wenn doch noch sooo viel Zeit bis zum eigentlichen Höhepunkt des Lebens bleibt? Wir könnten locker eine Firma gründen, wenn der eigene Nachwuchs groß ist! Oder einen reichen Mann, eine reiche Frau heiraten. Eine Anstellung als Führungskraft finden wäre natürlich fein, doch die Chefs in dieser Republik sehen 50 komischerweise noch immer als: „alt“.

Ist doch keiner von den 50-ern, nein! Mit 35 befindet man sich quasi in der Pubertät heutzutage. Das hat den Vorteil, dass wir die Dinge wiederholen können, ja sollten, die wir in der echten Pubertät auch schon taten. Nur leider erfolglos, weil zu grün hinter den Ohren. Die 80-er-Jahre-Demos gegen Atomkraft gibt es gerade in Neuauflage. Gegen Stuttgart 21 zu protestieren, ist jetzt erst richtig angesagt. Und wann gehen die Frauen eigentlich für eine Emanzipation auf die Straße, der nicht so bald die Luft ausgeht wie der letzten?

Frau sein ist wie 50 sein: nur spaßig, wenn man Wertschätzung erfährt und satt wird von seiner Hände Arbeit. Mit 50 kann kindlich-frech herumtanzen, wer eine Wohnung oder ein Haus hat, um seine Geburtstagsballons drum herum zu hängen. Wer mit 50 ein Baby will, braucht oft einen – teuren – Mediziner, der hilft. Und Hand aufs Herz: Richtig jung aussehen in Madonnas Alter kostet leider richtig viel! Wär’ ja auch zu schön gewesen: Wir um die 30 setzen uns also doch wieder unter Druck. Doch auch das ist politisch so gewollt: Die einen sind mit 50 schön, wohlhabend und fit. Die anderen kosten den Staat nichts mehr: Sie sind an Burn-Out oder Herzversagen gestorben.

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Nachtrag: Die Gewinnerinnen des 1. TTSW stehen fest, die Namen der Autorinnen werden nun bekanntgegeben. Wer diesen Text geschrieben hat, steht links unter dem Artikel.

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Petra Plaum am 31. Oktober 2010, 22:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Kommentar-Gewinnerin Glosse #18

Die 18. Kommentar-Gewinnerin steht fest! Das Buch „Kreativ Schreiben – Handwerk und Techniken des Erzählens“ von Fritz Gesing hat gewonnen:
Janine Obermöller-Gras!

Unsere Glücksfee, Andrea Alvermann, hat per Zufallszahlengenerator Kommentar Nummer 4 ermittelt.

Kurzbeschreibung:

"Ein Grundkurs im Romanschreiben, ganz im Sinne des amerikanischen "creative writing" - für Anfänger und all die, die glauben, noch etwas lernen zu können: mit theoretisch fundierten Regeln, an Beispielen der Weltliteratur belegt, wertvollen Hinweise aus dem Nähkästchen bekannter Autoren, Checklisten und vielem mehr."

Den Preis stellt Texttreff-Mitglied Tanja Finke-Schürmann zur Verfügung. Vielen Dank für das Buch!

Sabine Schönberg am 31. Oktober 2010, 16:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Fr Okt 29, 2010

Glosse #19: Die M2M-Relations

Das ist der 19. Beitrag zum Texttreff-Glossenschreibwettbewerb. Die Glossen werden anonym eingestellt.

Beitrag zum Thema: Das Leben einer Selbstständigen schreibt die besten Anekdoten

Die M2M-Relations

B2B-Beziehungen – Sie wissen doch, was das ist? Aber natürlich, Sie sind doch Profi. Wissen, was CI und ROI sind? Ja? Dann ist ja alles bestens.

Nun denn: Kennen Sie eigentlich auch die M2M-Relations?

Über die musste ich nämlich nachdenken, als ich so durch die rostfarbenen Wälder rauschte, während sich vorne am Horizont schon ein Stau ankündigte, der meinen Gedanken weiteren Raum geben würde.

M2M, das ist es!

Le dernier cri, der neue Hype. Ruhrgebietlerisch Hüh-pe ausgesprochen (hat jedenfalls Steinbrück mal öffentlich gesagt, was mir sehr gefiel, weil ich sofort an fröhliches Kinderwippen denken musste). Wissen Sie übrigens, dass meine Mutter den Steinbrück so mag, weil er seiner Frau eine Niere gespendet hat? Auch wenn das tausendmal nicht stimmt, sie mag ihn trotzdem und alles Korrigieren hilft nix. Obwohl sie ihn andrerseits frech findet. Und den anderen Stein… so eulig. (Aber das war diese Brille mit den Öhrchen damals, die gibt es heut nicht mehr. Und die beiden Herren ja auch noch kaum.)

Was das alles miteinander zu tun hat? Sind M2M-Relations eben.

Die besten aller M2M-Relations findet man ja im TT. Wie vor kurzem in Konstanz in der Nähe jener rostfarbenen Wälder bewiesen wurde, beim ITT. Aber das ist Geheimwissen und taugt für so eine öffentliche Glosse nicht.

Das Erstrebenswerte an M2M ist, falls es Sie interessiert, dass die Beziehungen auf Augenhöhe verlaufen, dass es ergo keine Höhenlinien gibt, die bei maskulinen M2M-Relations so häufig gehegt und gepflegt werden, kantenklar, rasiermesserscharf. Und so verwirrend, da diese Höhenlinien alle paar Meterchen im Gelände neu justiert werden. Beförderungen, Medaillen, Posten, Dienstwagenklassen … Sie wissen schon, alles ist im Fluss. Unsereins muss höllisch aufpassen.

Und am anderen Ende von M2M?

Da gibt es wunderliche Formen im Gehabe, haben Sie das mal beobachtet? Da kann einer so gebückt daher kommen wie er will (und wie das Alter ihn zwingt), er ist der Größte, Schönste, Witzigste, Listigste, sobald die Kameras surren. (Bald wird er ein Buch auf den Markt bringen.) Er wird es richten, er teilt zu und ein und aus und eine ganze Nation hängt an seinen schmalen Altmännerlippen, die früher mal die Wörter „Freiheit statt Sozialismus“ so schneidig artikuliert haben, dass es unsereinem eiskalt über den Rücken lief. Aber das ist natürlich schon so lange her, und der M. darf sich wandeln, und die Medien dürfen Stars schaffen und - Augenhöhe und Stardom schließen sich nun mal per definitionem aus. Wenn man den Abstand zwischen dem Heilsbringer und dem Heilsempfänger destillieren könnte, so käme das wahre, das echte Lebenselixier heraus. Den einen lässt es achtzig werden, den anderen neunzig und Jopi Heesters sogar über hundert. Das verstehen wir doch, wir Normalos. Die Welt da draußen, in Stuttgart oder anderswo, ist schließlich kein Kuschel- TT.

M2M-Relations ziehen übrigens auch in vielen Ehen über Vegetations- und Baumgrenzen hinweg: Da muss man manchmal schon Alphorn blasen können, um zu kommunizieren.

Und da war es doch höchst anrührend, vor kurzem in den Medien zu sehen, dass eine solche Ehe, die vor langen Jahren im Himmel geschlossen wurde, auch auf Erden funktioniert hat. Auf Augenhöhe. In höchst unterschiedlichen Gefilden: auf Schachbrettern, in Kanzlerfliegern, an norddeutschen Seen und in HH, in den Hauptstädten und auf den Blumenwiesen unseres Planeten.

Und was mir am allerbesten gefiel: Beim Ansehen des Portraits jener beiden Ehehälften (am 21.10.2010 ) hatten auf einmal viele Normalmenschen beiderlei Geschlechts Tränen in den Augen. Weil da die M2M-Relations einfach perfekt aussahen. Und weil das eben doch so selten ist. Obwohl wir uns das alle wünschen. Und weil es nun ein Ende hat.

Kleine Liste der Abkürzungen:
HH – Hamburg
TT – Texttreff
ITT – Internationales Textinentreffen
ROI – Return On Investment
B2B – business-to business
CI – Corporate Idendity
M2M-Relations – Mensch-zu-Mensch-Beziehungen

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Nachtrag: Die Gewinnerinnen des 1. TTSW stehen fest, die Namen der Autorinnen werden nun bekanntgegeben. Wer diesen Text geschrieben hat, steht links unter dem Artikel.

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Nessa Altura am 29. Oktober 2010, 17:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Kommentar-Gewinnerin Glosse #17

Die 17. Kommentar-Gewinnerin steht fest! Den Duden Nummer 9, "Richtiges und gutes Deutsch" hat gewonnen: Heike Baller.

Unsere Glücksfee, Andrea Alvermann, hat per Zufallszahlengenerator Kommentar Nummer 3 ermittelt.

Kurzbeschreibung:

"Dieses Werk behandelt typische Zweifelsfälle der deutschen Sprache, wie sie der Duden-Sprachberatung täglich als Fragen gestellt werden. Sortiert von A bis Z, bietet es Antwort auf orthografische, grammatische und stilistische Fragen, außerdem Formulierungshilfen und Erläuterungen zum Sprachgebrauch."

Den Preis stellt Texttreff-Mitglied Anja Heppelmann zur Verfügung. Vielen Dank für das Buch!

Sabine Schönberg am 29. Oktober 2010, 12:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Do Okt 28, 2010

Glosse #18: Sicherheit geht vor

Das ist der 18. Beitrag zum Texttreff-Glossenschreibwettbewerb. Die Glossen werden anonym eingestellt.

Beitrag zum Thema: Das Leben einer Selbstständigen schreibt die besten Anekdoten

Sicherheit geht vor

Ich bin ja begeisterte Heimwerkerin. Nicht nur im Bereich Übersetzung, sondern auch in allen anderen Belangen. Am liebsten würde ich alles im Haus, am Auto und überhaupt selbst montieren und reparieren. Mache ich oft auch frei nach dem Motto „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“ und lasse den entstandenen Schaden danach von meinem Schatz wieder beseitigen. Dieser nimmt meine Bemühungen mittlerweile nur noch mit einem Seufzen zur Kenntnis und ergibt sich dann seinem Schicksal, heißt er verarztet erst mich und dann den Gegenstand, der meiner Heimwerkertätigkeit zum Opfer gefallen ist. Zu meinem Leidwesen hat sich mein handwerkliches Talent mittlerweile auch schon im Verwandten- und Bekanntenkreis herumgesprochen, der unbegreiflicherweise nur noch abwinkt, wenn ich meine Bereitschaft zu montieren, reparieren und installieren kundtue. Zu meinem eigenen Schutz sagen sie.

Neulich wollte ich mir ja schon resigniert ein neues Aufgabenfeld suchen. Aber wissen Sie, was dann geschah? Ein helfender gelber Engel stand plötzlich vor der Tür und hatte die neuesten Kataloge im Gepäck. Sie wissen schon, die mit allerhand Produkten, die im Home Office auf keinen Fall fehlen dürfen. Kugelschreiber und Wäschekörbe zum Beispiel. Wofür man letztere braucht, ist mir noch nicht so ganz klar, aber die Herren Katalogversender müssen es ja wissen. Jedenfalls lächelte mich von einem dieser Hochglanzkataloge doch ein hübscher dunkelhaariger Mann im Blaumann an. Oh, endlich einmal ein bisschen Entspannung und Abwechslung für die müden Übersetzerinnenaugen, dachte ich. Gespannt schlug ich den Katalog auf, in Erwartung weiterer attraktiver männlicher Individuen. Und ich wurde nicht enttäuscht. Seite um Seite standen und saßen sie da, jedoch konnte man die erwarteten stahlharten Waschbrettbäuche, eingepackt wie sie waren, leider nur erahnen. Aber immerhin.

Nur eines verwunderte mich, alle Herren in diesem Katalog trugen Latzhosen und Overalls. Neugierig sah ich mir den Katalog noch einmal an und las "Arbeits- und Sicherheitskleidung 2010". Scheinbar hatte sich meine handwerkliche Begabung weiter herumgesprochen, als ich dachte. Erfreut vertiefte ich mich in diesen Wink des Schicksals und Sie werden es nicht glauben, es fanden sich neben den zugegebenermaßen doch recht anziehenden Männern, noch viele weitere Schätze in diesem Katalog.

Vom Schutzhelm in sonnengelb, über passende Overalls in den diesjährigen Trendfarben bis hin zu Sicherheitsschuhen aller Klassen, benzinresistent und bis 300 Grad hitzebeständig und so weiter und so fort. Ich sage Ihnen, die wissen, welche Produkte man als selbstständige Übersetzerin wirklich braucht. Ich werde mich nun jedenfalls erst einmal neu einkleiden und meine Büroarbeit nur noch im rosa Overall mit fröhlich gelbem Arbeitsschutzhelm nach DIN EN 397 und natürlich Atem- und Gehörschutz erledigen. Selbstverständlich müssen auch die Übersetzerinnenfüße in Sicherheitsstiefeln der Klasse S5 vor Lochereinschlag geschützt werden. Und sollte es etwas zu reparieren geben … ich bin bereit.

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Nachtrag: Die Gewinnerinnen des 1. TTSW stehen fest, die Namen der Autorinnen werden nun bekanntgegeben. Wer diesen Text geschrieben hat, steht links unter dem Artikel.

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Anika Abel am 28. Oktober 2010, 17:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Kommentar-Gewinnerin Glosse #16

Die 16. Kommentar-Gewinnerin steht fest! Das Buch "Rotlicht im Kopf. Das Sudfass. Über das berühmteste Bordell der Welt und warum Männer in den Puff gehen" von Peter Zingler hat gewonnen: Nessa Altura !

Unsere Glücksfee, Andrea Alvermann, hat per Zufallszahlengenerator Kommentar Nummer 9 ermittelt.

Kurzbeschreibung:

"Das Sudfass war vierzig Jahre lang das berühmteste Bordell Deutschlands, Europas oder gar der ganzen Welt. 1971 eröffnet, war es der erste gelungene Versuch, die Prostitution von zügigen Straßenecken, aus geheimen Etablissements oder dunklen Absteigen und schummrigen Bars in ein gehobenes Ambiente zu verlagern. Das Wort Wellness war damals noch nicht geläufig, aber das nackte Leben einer Saunawelt mit der gleichfalls nackten Welt der Prostitution zu vermählen war eine geniale Idee. Ihr Erfinder Dieter Engel wollte, dass sich Frauen und Männer auf gleicher Höhe begegnen. Das Modell Sudfass wurde seitdem in allen Ländern imitiert, aber kein Bordell wurde so berühmt wie das Original aus Frankfurt am Main."

Den Preis stellt Texttreff-Mitglied Janine Bach zur Verfügung. Vielen Dank für das Buch!

Sabine Schönberg am 28. Oktober 2010, 14:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Mi Okt 27, 2010

Glosse #17: Schöne neue Seniorenwelt

Das ist der 17. Beitrag zum Texttreff-Glossenschreibwettbewerb. Die Glossen werden anonym eingestellt.

Beitrag zum Thema: Ich seh mich schon in zwanzig Jahren

Schöne neue Seniorenwelt

Die heutige Schlagzeile der Welt der Senioren lautet: „Niemals ging es Senioren so gut wie heute!“ Zwar sei das Rentenalter auf 75 angehoben worden, dies stelle aber durch die gute medizinische Versorgung, den hohen Lebensstandard und die vielen technischen Hilfsmittel kein Problem dar.

Das stimmt. Mir geht es doch wunderbar! Oder? Nachdenklich klappe ich meinen E-Book-Reader zu, nehme meinen Cappuccino und fahre, wie jeden Tag, mit dem Treppenlift in mein seniorengerechtes Homeoffice. Auf meinem 28"-Monitor lasse ich mir die Texte in Schriftgröße 74 anzeigen. Ansonsten hat sich mein Arbeitsbereich, im Gegensatz zu vielen anderen Berufen, relativ wenig verändert. Die 17. Reform der Rechtschreibreform im vergangenen Jahr hat endgültig so viel Verwirrung gestiftet, dass ohne Fachleute kein einziger Text mehr veröffentlicht werden kann. Vermutlich würde das kaum jemanden stören, schriebe nicht das „Gesetz zur Vereinheitlichung der Rechtschreibung (GVR)“ vom 01.01.2029 vor, dass sämtliche Veröffentlichungen und Schriftwechsel mit Behörden in der aktuellen Rechtschreibung abzufassen sind. Da ist unsereiner natürlich sehr gefragt.

Immerhin bleibt es mir erspart, meine Rechnungen zur Post zu bringen. Schon längst können sie digital versendet werden, ich logge mich per Fingerabdruck in meinen Rechner ein, womit sämtliche Schreiben authentifiziert sind. Auch ich bekomme fast nur noch digitale Post. Dafür werden nahezu täglich Waren angeliefert, vor allem Lebensmittel. Das ist ein Glück für mich, denn bei der obligatorischen jährlichen Gesundheitsüberprüfung wurde mein Führerschein eingezogen. Der Paketbote beschwert sich jedoch darüber, dass ich immer noch regelmäßig Bücher bestelle. Eigentlich sind Bücher ja vollkommen aus der Mode gekommen, ich bin jedoch Mitglied der „Gesellschaft zur Bewahrung der Druckerzeugnisse“.

Aber ich will gar nicht jammern – das Dasein als „vom Lebensalter Beeinträchtigte“ hat auch seine angenehmen Seiten. Ich jedenfalls genieße es sehr, dass mein Haushaltsroboter mir die Stützstrümpfe anzieht, putzt, saugt, Wäsche aufhängt, Betten macht und sogar kocht – und das nicht einmal schlecht. Der einzige Nachteil an ihm ist, dass er mit dem Gesundheitsnetz verbunden ist. Täglich überprüft er Blutdruck, Puls, Blutzucker und zahlreiche weitere Werte und sendet diese an den ärztlichen Dienst. Dessen Anweisungen setzt er haargenau um, was in meinem Fall bedeutet, dass er zu meinem Leidwesen keinerlei Zucker verwendet. Auch der Lieferdienst weiß Bescheid und ignoriert meine gelegentlichen Versuche, Schokolade zu bestellen.

Mein Höhepunkt des Tages ist und bleibt der Kaffeeklatsch mit meinen Freundinnen. Wenn wir per Konferenzschaltung auf unseren 3-D-Bildschirmen verbunden werden, ist es fast, als säßen wir alle beieinander im Wohnzimmer. Auch meine Kinder und Enkel schauen auf diesem Weg regelmäßig bei mir vorbei. So fällt es mir kaum auf, dass ich seit 627 Tagen das Haus nicht verlassen habe.

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Nachtrag: Die Gewinnerinnen des 1. TTSW stehen fest, die Namen der Autorinnen werden nun bekanntgegeben. Wer diesen Text geschrieben hat, steht links unter dem Artikel.

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Unsere drei Hauptpreis-Sponsoren:

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TeNo

Billomat

Daniela Dreuth am 27. Oktober 2010, 17:10 | 0 Trackbacks | Glossen

TT-Blog im TeNo-Blog

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TeNo bloggt. Na und? Nicht na und, sondern: aha. Denn: TeNo ist einer der Hauptpreis-Sponsoren des Texttreff-Schreibwettbewerbs. Und Biggi Mestmäcker, eine der TeNo-Bloggerinnen und Texttreff-Mitglied, hat über den 1. TTSW gebloggt.

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TeNo-Blog: Klick.

Andrea Groh am 27. Oktober 2010, 12:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Kommentar-Gewinnerin Glosse #15

Die 15. Kommentar-Gewinnerin steht fest! Den Roman "Männertaxi" von Andrea Koßmann hat gewonnen:
Antje Ritter.

Unsere Glücksfee, Andrea Alvermann, hat per Zufallszahlengenerator Kommentar Nummer 23 ermittelt.

Kurzbeschreibung:

"Warum kann man Männer nicht bestellen wie Pizza: »Einmal die Nummer 12, bitte extrascharf!«? Isa will diese Marktlücke schließen und beginnt mit Vergnügen, die »Speisekarte« zusammenzustellen. Sie ahnt nicht, dass das Männertaxi nicht nur das Liebesleben ihrer Kundinnen beflügeln, sondern auch ihr eigenes kräftig durcheinanderwirbeln wird …"

Den Preis stellen Andrea Koßmann und Knaur zur Verfügung. Vielen Dank für das Buch!

Sabine Schönberg am 27. Oktober 2010, 01:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Kommentar-Gewinner Glosse #14

Der 14. Kommentar-Gewinner steht fest! Das "Handbuch Medikamente" von Annette Bopp hat gewonnen:
Leo Altgruftipunk.

Unsere Glücksfee, Andrea Alvermann, hat per Zufallszahlengenerator Kommentar Nummer 8 ermittelt.

Kurzbeschreibung:

"Das Handbuch Medikamente erklärt und bewertet 7000 der in Deutschland am häufigsten verordneten Medikamente. Es hilft, Risiken und Nebenwirkungen von Arzneimitteln rechtzeitig zu erkennen – und im Fall des Falles das Richtige zu tun. Es liefert alle Informationen, die mündige Patienten brauchen. Es stellt die gängigen Wirkstoffe vor – mit ihren Stärken und Schwächen. Es macht darauf aufmerksam, mit welchen Medikamenten sich die jeweiligen Mittel nicht vertragen und worauf zu achten ist. Ein Buch, das Klartext spricht. Vor allem aber kein Buch gegen Arzneimittel, sondern ein Buch für die richtige und verantwortungsbewusste Anwendung von Medikamenten."

Vielen Dank an Autorin und Texttreff-Mitglied Annette Bopp für das Buch.

Sabine Schönberg am 27. Oktober 2010, 01:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Di Okt 26, 2010

Glosse #16: Der Herbst ist männlich. Dieser zumindest.

Das ist der 16. Beitrag zum Texttreff-Glossenschreibwettbewerb. Die Glossen werden anonym eingestellt.

Beitrag zum Thema: Das Leben einer Selbstständigen schreibt die besten Anekdoten

Der Herbst ist männlich. Dieser zumindest.

Das Telefon klingelte, Lieblingskunde. „Hast du Lust auf ein Männerthema?“ „Klar Baby, schick rüber.“ So fing alles an. Meine männliche Seite sollte sich im Thema so richtig austoben. Rotzig, markant, arrogant. Ein bisschen derbe. Erste Vorbereitung: Männerfrühstück. Überbackene Schinkenbrote, schwarzer Kaffee. Schmeckte zum Kotzen, aber was tut man nicht alles für seine Kunden.

Nach zig Interviews mit testosterongespiegelten Machos und bewaffnet mit einer Sammlung Nacktfotos fing ich an zu schreiben. Ich war anfangs noch vorsichtig, formulierte möglichst neutral. Gefühle? Alle rausgestrichen. Hier ging es um Fakten, nackte Fakten. Zwischendurch aß ich Brote und kippte schwarzen Kaffee. Wer schwarzen Kaffee schafft, ist ein Held. Und ich brauchte Helden in meinem Text. Mit der Zeit wurde ich mutiger. Ich fluchte lauter und aß noch mehr Wurstbrote. Bald war ich voll im Thema und hatte meine männliche Seite komplett rausgekehrt. Telefon. Anderer Lieblingskunde. „Hast du Lust auf ein Männerthema?“ Déjà-vu? Völlig überarbeitet? „Klar Baby, schick rüber.“ Noch mehr Fakten, harte Fakten. Arrogante Schreibe gewünscht. Ob ich das aushalte? Ich harmoniesüchtiges Weibchen, Mutter von zwei Prinzessinnen, Vorsitzende der Pinken Fraktion? Aber klar doch, das schaffe ich! Schließlich bin ich ein Profi und kann meine Arbeit mit der nötigen Distanz erledigen! Oder etwa nicht? Das Problem ist – und das ist ein sehr weibliches Problem –, ich tauche so sehr in meine Texte ein, dass ich mit ihnen verschmelze. Befruchtung quasi. Meine Texte sind immer auch ich. Gut, dass für eine Befruchtung ein männlicher Part dazugehört. Den trage ich in mir.

Natürlich halte ich das aus, denn dieser Herbst ist männlich. Ich weine nur im stillen Kämmerchen, fluche dreckig und esse wie ein Schwein. Ich benehme mich wie ein Mann, den ich nicht kennen möchte. Neulich habe ich mich fast mit meinem Liebsten geschlagen, leichte Auseinandersetzung. Er konnte nicht zuhören, ich auch nicht.

Nach diesem Streit habe ich mir einen freien Tag genommen, meine männliche, arrogante Seite ist ein Sensibelchen. Ich bin zum Bäcker geschlichen und habe heimlich ein Croissant gegessen. Dazu einen Milchkaffee getrunken. Mit Schaum. Sowas von Wonne! Schnell ein Gedicht geschrieben mit Gefühlen und Liebe und so. Was für ein Tag!

Am nächsten Morgen wieder schwarzen Kaffee und überbackene Brote. Ich bin stark, ich lass mir nichts anmerken. Ich bin ein Profi.

Und wenn mir einer dumm kommt, kriegt er auf die Fresse. Dann aber mit den Waffen einer Frau.

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Nachtrag: Die Gewinnerinnen des 1. TTSW stehen fest, die Namen der Autorinnen werden nun bekanntgegeben. Wer diesen Text geschrieben hat, steht links unter dem Artikel.

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Unsere drei Hauptpreis-Sponsoren:

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TT-Blog-Artikel über den Hauptpreis

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TT-Blog-Artikel über die TeNo-Preise

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TT-Blog-Artikel über den Billomat-Preis

Ruth Frobeen am 26. Oktober 2010, 18:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Mo Okt 25, 2010

Glosse #15: Meine Visitenkarte brauchte Auslauf

Das ist der 15. Beitrag zum Texttreff-Glossenschreibwettbewerb. Die Glossen werden anonym eingestellt.

Beitrag zum Thema: Das Leben einer Selbstständigen schreibt die besten Anekdoten

Meine Visitenkarte brauchte Auslauf

Sie finden Visitenkartenpartys schrecklich? Eine lästige Zusammenkunft von Selbstdarstellern, reine Zeitverschwendung, für den Gewinn neuer Kunden ungeeignet? Ich nicht. Manchmal überkommt es mich – dann werfe ich mich in mein lässigstes Business-Outfit und fake Akquiselust.

Der wahre Grund ist: Ich betreibe Feldstudien. Denn zumindest weiß man hinterher, welche potenziellen Zielgruppen man zukünftig weiträumig umfahren muss. Im besten Fall liefern sie Stoff für eine Glosse.

Neulich hatte man mich offenbar aus irgendeinem Karteileichenfriedhof exhumiert, sodass ich eine Einladung zum „Regionalen Unternehmertreffen“ bekam. Ich ging hin. Und alle waren sie da, die Unvermeidlichen:

Noch während meiner ersten Runde zum Sichten der Lage sprach mich die Kosmetikberaterin an. Die selbst ernannte Stilexpertin ist auf allen Visitenkartenpartys zu finden – wenig verwunderlich, denn betrachtet man die anwesende Menge unvorteilhaft gekleideter Männer und suboptimal geschminkter Frauen, muss da enormes Potenzial abzuschöpfen sein.

So plump, mich auf meine Makel anzusprechen, ist sie jedoch nicht. Es reicht völlig, dass sie mir ihre Visitenkarte zusteckt. Und dann ihr Blick! Sie entdeckt dilettantisch überschminkte Lachfalten, schlecht getünchte Schlupflider und brutal gerupfte Damenbarthaare – schonungslos. Getoppt wird ihr prüfendes Mustern nur von jenem der unabwendbaren Endfünfzigerin in der Damenwäscheabteilung eines beliebigen Kaufhauses, die auf 20 Meter Entfernung in der Lage ist, Körbchengröße und Brustumfang exakt zu ermitteln. Nacktscanner sind ein Dreck dagegen! Liebe Datenschützer, in Deutschlands Kaufhäusern gibt es die längst! Doch zurück zu meiner Kosmetikdame. Sie wollte mich in ein Gespräch verwickeln, aber ihr atemberaubender Mundgeruch trieb mich an die Proseccotheke.

Mit dem Glas in der Hand lauschte ich der Vorstellungsrunde der Organisatoren, allesamt Größen des lokalen Mittelstands, die tapfer ihre auswendig gelernten Elevator Statements aufsagten. Leider vergaßen gefühlt zwei Drittel davon, im Rausch ihrer sorgfältig ziselierten Sätze mitzuteilen, was sie denn nun anbieten, im Aufzug.

Ich flog eine Schleife übers Büffet und stellte mich mit vollem Teller und ebensolchen Backen an einen dieser typischen Plastikstehtische, dem jemand mittels eines cremefarbenen Stoffüberwurfs vergeblich versucht hatte, das Billigplastikimage zu nehmen. Der behusste Tisch war von einer weiteren repräsentativen Besucherspezies bevölkert: den Versicherungsvertretern, Verzeihung: Financial Solutions Consultants. Einer von ihnen wollte unvorsichtigerweise wissen, was mein Business sei, und begann erwartungsgemäß bei der Antwort „Ich bin Texterin“ nervös mit den Hufen zu scharren. „Brotlose Kunst, schnell weg hier“ erschien in phosphoreszierenden Lettern auf seiner sich langsam mit Schweißtropfen füllenden Stirn, und da ich einen meiner milde gestimmten Abende hatte, erlöste ich ihn schnell und ging zum Nachtisch ans Büffet.

Dort geriet ich leider in die Fänge eines dieser unangenehmen Exemplare, die mich immer an Brechts Radiotheorie erinnern: ein Sender ohne Aus-Knopf. Nach eigenen Angaben sprach Herr Radio X Fremdsprachen, X minus eine davon verhandlungssicher (welche die eine wohl war? Rätoromanisch?) und wollte mir seine revolutionäre Sprachlernmethode nahebringen. Die bestand darin, ein Wochenende mit ihm intensiv zu verbringen. Eine plötzliche Übelkeit vortäuschend (was mir leicht fiel), stürzte ich davon.

Und fand mich direkt vor dem Alleinunterhalter wieder, der gerade pausierte. Irgendwie hatte ich die ganze Zeit schon das Gefühl gehabt, er habe mich beobachtet. Ich wollte gleich weiterziehen (Flirten mit dem Pianomann ist allenfalls etwas für völlig Verzweifelte), doch er hatte mich schon bemerkt. So versuchte ich höflichkeitshalber etwas Konversation und fragte ihn, warum er auf solchen Unternehmertreffen spiele. Er zwinkerte mir zu und sagte: „Feldstudien“.

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Nachtrag: Die Gewinnerinnen des 1. TTSW stehen fest, die Namen der Autorinnen werden nun bekanntgegeben. Wer diesen Text geschrieben hat, steht links unter dem Artikel.

Annette Lindstädt am 25. Oktober 2010, 19:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Kommentar-Gewinn Glosse #13

Sonst stellt an dieser Stelle immer Sabine Schönberg den Kommentargewinner vor. Dieses Mal hat unsere Glücksfee, Andrea Alvermann, jedoch per Zufallsgenerator die Nummer 9 ermittelt - den Kommentar von Sabine selbst!

Sie gewinnt den Roman "Pergamentum" von Heike Koschyk.

1188: Im von Hildegard von Bingen gegründeten Kloster Eiblingen geschehen merkwürdige Dinge. Ein Möch wird ermordet aufgefunden. In der Hand hält er einen Fetzen Pergament, beschrieben in der von Hildegard entwickelten Geheimsprache, der Lingua Ignota. Die junge Adlige Elysa von Bergheim wird ins Kloster eingeschmuggelt. Sie hat nur drei Tage Zeit, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen ...

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Vielen Dank an die Autorin Heike Koschyk für die Spende!

Daniela Dreuth am 25. Oktober 2010, 07:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Fr Okt 22, 2010

Kommentar-Gewinnerin Glosse #12

Die 12. Kommentar-Gewinnerin steht fest! Das "Das Facebook-Buch" von Annette Schwindt hat gewonnen:
Andrea Görsch.

Unsere Glücksfee, Andrea Alvermann, hat per Zufallszahlengenerator Kommentar Nummer 10 ermittelt.

Kurzbeschreibung:

"Das Thema Facebook boomt, der Bedarf an Information und Hilfestellung ist entsprechend riesig. Annette Schwindt ist die ideale Autorin: Sie hat in ihrem Blog und mit ihrem eBook schon Tausenden Facebook-Neulingen weitergeholfen, sie gehört in Deutschland zu den Menschen mit der umfassendsten Kompetenz im Bereich Facebook – und sie kann ihr Wissen sehr klar und verständlich vermitteln." (O'Reilly Verlag)

Vielen Dank an Markus Möller und Sean A. Kollak von Twick.it für die Spende.


Sabine Schönberg am 22. Oktober 2010, 14:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Glosse #13: Als Schwiegermutter Deutschland abschaffte

Das ist der 13. Beitrag zum Texttreff-Glossenschreibwettbewerb. Die Glossen werden anonym eingestellt.

Beitrag zum Thema: Die schrägsten Vorlagen liefert die Politik

Als Schwiegermutter Deutschland abschaffte

Ich bewundere das Engagement des deutschen Staates wirklich sehr. Seit Jahren lässt er nichts unversucht, um mich vor meiner Schwiegermutter zu schützen. (Schließlich ist hinreichend bekannt, dass Schwiegermütter böse sind.) Er ist ganz offensichtlich der Meinung, dass einige tausend Kilometer, die uns zwei Frauen trennen, nicht ausreichen. Die Hürden für ein Visum für meine Schwiegermutter mit dem fremden Pass sind deshalb mit Bedacht so hoch angesetzt, dass es ihr in den vielen Jahren meiner Ehe mit ihrem Sohn nur ein einziges Mal gelang, sie zu überwinden. Auch wenn das eine traumatische Erfahrung war für den Staat, für mich und überhaupt: Einmal ist keinmal. Bisher konnte ich mich auf die deutsche Bürokratie verlassen.

Aber kürzlich lief etwas schief. Nicht, dass die Einreisehürden niedriger geworden wären. Schwiegermutter ist ein wenig in die Jahre gekommen und gar nicht mehr interessiert am Schlangestehen in deutschen Konsulaten. Das haben die Oberhürdenerrichter nur noch nicht mitbekommen. Während sie immer noch davon ausgehen, dass Schwiegermutter zur Invasion Deutschlands rüstet, hat sie die Taktik geändert. Die Beine wollen zwar nicht mehr so recht, aber im Kopf ist sie fit.

Ihre Taktik ist nicht neu, vielmehr bewährt seit Jahrtausenden: Schwiegermutter begann, sich nach Verbündeten umzusehen. Schon lange ist sie der Meinung, dass der Sohn zu ihr kommen soll, wenn sie schon nicht zu ihm reisen kann. Oder noch besser: Er soll für immer zurückkehren in das Land seiner Vorfahren. Einen Verbündeten für dieses Ziel zu finden, war nicht weiter schwierig. Der Sarazene drängte sich geradezu auf. Niemand weiß genau, wer oder was ein Sarazene ist. Aber jemand, der mit einem Begriff belegt ist, der laut Wikipedia „meist in angstgeprägtem Sinn“ gebraucht wird, eignet sich hervorragend als Verbündeter für Schwiegermutters persönliche Interessen. Der Sarazene also lockte schnell weitere Verbündete an, zwielichtige Gestalten, die sich in den letzten Wochen bei Schwiegermutter in der Ferne ein Stelldichein gaben, ein Personalausweis reicht ihnen, um zu den konspirativen Treffen in das fremde Land zu reisen, von Hürden keine Spur.

Dann allerdings, beim sechsten oder siebten Treffen der Verschwörer muss es gewesen sein, lief die Sache aus dem Ruder. Schwiegermutter rief entsetzt: „So geht das aber nicht!“, als sie den Staub auf dem Laptop des Sarazenen sah. Dass diese Deutschen auch nie lernen würden, richtig zu putzen. Schwiegermutter drückte mit dem Staubtuch auf den schmutzigsten Knopf. DELETE. Deutschland war abgeschafft.

Dann ging alles sehr schnell. Schwiegermutter hat nun ihren Sohn in der Nähe, gleichzeitig aber quillt das fremde Land über von Deutschen, die sich beharrlich weigern, sich den Landessitten anzupassen und die fremde Sprache zu lernen.
Dabei kann Schwiegermutter nicht tatenlos zusehen. Sie fängt an, ihre Truppen zu sammeln. Ob der Sarazene wieder mit von der Partie sein wird, ist noch offen. Seit Schwiegermutters eigenmächtiger Knopfdruck-Aktion ist er ein wenig verschnupft. Mich mit meiner Schwiegermutterphobie beachtet längst niemand mehr.

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Nachtrag: Die Gewinnerinnen des 1. TTSW stehen fest, die Namen der Autorinnen werden nun bekanntgegeben. Wer diesen Text geschrieben hat, steht links unter dem Artikel.

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Ines Balcik am 22. Oktober 2010, 00:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Do Okt 21, 2010

Kommentar-Gewinnerin Glosse #11

Die 11. Kommentar-Gewinnerin steht fest! Das Buch "Eine schöne Leich" hat gewonnen:
Snezana Galijas-Linten!

Unsere Glücksfee, Andrea Alvermann, hat per Zufallszahlengenerator Kommentar Nummer 23 ermittelt.

Kurzbeschreibung:
"Eine Journalistin wird tot in ihrer Wohnung in der Ingolstädter Altstadt aufgefunden. Kommissar Stefan Meißner ist erschüttert: Am Tag zuvor hat er diese Frau durch ein Blumenfeld tanzen sehen - nun ist sie "eine schöne Leich". Wer hat das neue, das zweite Leben der Roxanne Stein so brutal beendet? Meißner ermittelt im Theatermilieu in Ingolstadt und in der alternativen Münchner Theaterszene, im Frauenhaus und beim Donaukurier.

Verdächtige gibt es viele, doch wer von ihnen ist der Mörder?"

Vielen Dank an die Autorin, Lisa Graf-Riemann, für die Spende.

Sabine Schönberg am 21. Oktober 2010, 21:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Klartext für Anwälte dank Eva Engelken

Madlock, Ally McBeal und deren Berufskollegen in Kino und Fernsehen sprechen dankenswerterweise fast immer völlig publikumstauglich. Sonst würde sich ja niemand ansehen, was sie da treiben. Im echten Leben hat man meist leider keine Wahl und kann nicht wegsehen oder -hören, selbst wenn man will: Wer einen Anwalt braucht, muss sich eben auch dessen Fachsprech und Expertengeschwurbel aussetzen. Glücklich derjenige, der versteht, was er hört. Noch glücklicher, wer eine Rechtsvertretung gefunden hat, die sich von vornherein verständlich machen kann.


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Texttreff-Mitglied Eva Engelken, die selbst das 2. Staatsexamen in den Rechtswissenschaften absolviert hat und als Wirtschaftsjournalistin gewohnt ist, komplexe Themen auf den Punkt zu bringen, widmet sich dem Thema Klartext für Anwälte. Mit ihrem Buch unterstützt sie Juristinnen und Juristen dabei, sich so auszudrücken, dass ihr branchenfremdes Gegenüber sie besser versteht. Ein Buch für glücklichere Mandanten und erfolgreichere Anwälte.

Eva Engelken
Klartext für Anwälte
Mandanten gewinnen – Medien überzeugen. Verständliche Kommunikation in Wort und Schrift.
Linde Verlag 2010
200 Seiten
24,90 EUR

Julia Dombrowski am 21. Oktober 2010, 16:10 | 0 Trackbacks | Bücher

Glosse #12: Die Kanzlerin und die Macht der Bilder

Das ist der 12. Beitrag zum Texttreff-Glossenschreibwettbewerb. Die Glossen werden anonym eingestellt.

Beitrag zum Thema: Die schrägsten Vorlagen liefert die Politik

Die Kanzlerin und die Macht der Bilder oder: Finde die versteckten Fehler!

Da steht sie. In der Umkleidekabine nach dem EM-Qualifikationsspiel Deutschland-Türkei. In ihrem grünen Blazer. Umgeben von halbnackten Männern. Sie drückt dem "glücklichen" Mesut Özil in der ihr eigenen Haltung – eng am Körper anliegender Oberarm, den Unterarm exakt 90° abgewinkelt – die Hand. Die dazugehörige Bildunterschrift meiner regionalen Tageszeitung lautet: "Keine Berührungsängste: Angela Merkel schaute mal wieder in der Kabine vorbei. Hier sucht die Kanzlerin den Dialog mit Mesut Özil".

Hurra! Da ist ja endlich mal wieder eines dieser Bilderrätsel, die ich als Kind schon so gerne gelöst habe: Finde die versteckten Fehler! Seltsam ist nur: Früher waren da immer zwei Bilder zum Vergleichen nebeneinander. Aber vielleicht sind ja bei diesem Rätsel auch noch ein paar Fehler in der Bildunterschrift versteckt. Also dann. Auf geht's!

Was sehe ich? Ich erblicke die ranghöchste und dementsprechend adäquat ge- und vollständig bekleidete Repräsentantin unseres Landes in Ausübung ihres Berufes neben einigen ebenfalls vollkommen adäquat und daher so kurz nach Ausübung ihrer Tätigkeit eben nicht vollständig bekleideten Helden der Nation. Irgendwie sieht das komisch aus. Hier könnte etwas fehlen. Respekt zum Beispiel. Den Spielern gegenüber. Die müssen doch schon sofort nach Verlassen des Spielfelds auf dem Weg in die Kabine die allzeit aufnahmebereiten Mikrofone der Sportreporter unter ihren Nasen ertragen und atemlos hirnlose Fragen beantworten. Nun heftet sich – mir scheint immer öfter – auch noch die berührungsangstfreie Kanzlerin an ihre Fersen und verfolgt sie sogar bis in die Kabine, wo sie ihnen nicht einmal Zeit lässt, sich in Ruhe umzuziehen!

Was sehe ich noch? Stimmt vielleicht irgendwas nicht überein? Mal schauen: "Keine Berührungsängste" … Ist hier ein Fehler? Nö, denn ängstlich sieht sie wirklich nicht aus, die Frau Merkel. Sie lächelt huldvoll wie immer. Ist doch auch nur der Mesut, unser netter Nationalspieler, bei dem sie sich auch nur ganz artig bedankt. Aus freien Stücken. Moment mal: Wieso sollte sie denn dann überhaupt Berührungsängste haben und wovor? Vor nackten, durchtrainierten Sportleroberkörpern, deren Nähe sie selbst aufmerksamkeitsheischend gesucht hat, um sich neben ihnen ins Bild setzen zu lassen? Oder etwa vor dem folgenden denkbaren Dialog? "Wunderbar haben Sie gespielt, Herr Özil! Ich gratuliere Ihnen im Namen des ganzen Volkes!" – "Dankeschön, Frau Bundeskanzlerin." Hmm. Hier stimmt auch irgendwas nicht. Es ist gar nicht so einfach, dieses Bilderrätsel.

Ich fasse mal das Ergebnis meiner bisherigen Fehlersuche zusammen: Die Kanzlerin schaute zwar – oh Wunder! – ohne Berührungsängste, in einer bewusst so von ihr herbeigeführten Situation in einer Kabine vorbei, aber 1. zu einer unpassenden, nur ihr genehmen Zeit und 2. nicht um mit Mesut Özil "den Dialog zu suchen" (Ja wo isser denn nur?), sondern lediglich, um eine ihrer repräsentativen Aufgaben zu erledigen.

Wenn doch nur das zweite Bild des Rätsels auch abgedruckt wäre. Das ohne Fehler. Mit der Bildunterschrift: "Keine Berührungsängste: Angela Merkel schaute mal wieder in einer achten Hauptschulklasse in Berlin-Neukölln vorbei. Hier sucht die Kanzlerin den Dialog mit dem 16-jährigen Mehmet Özer." Dann wären die Unterschiede zwischen den Bildern erst so richtig zu erkennen: Auf dem zweiten Bild ist Frau Merkels Haltung nämlich viel entspannter. Und sie lächelt auch ganz anders. Authentischer. Ehrlicher. Vielleicht weil das, was Mehmet ihr während des Händeschüttelns gesagt hat, sie tatsächlich überrascht hat. Aber dieses Bild scheint abhanden gekommen zu sein. Ja wo isses denn nur?

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Nachtrag: Die Gewinnerinnen des 1. TTSW stehen fest, die Namen der Autorinnen werden nun bekanntgegeben. Wer diesen Text geschrieben hat, steht links unter dem Artikel.

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Birgit Schmidt-Hurtienne am 21. Oktober 2010, 00:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Mi Okt 20, 2010

Kommentar-Gewinnerin Glosse #10

Die 10. Kommentar-Gewinnerin steht fest! Den Roman "Feast of the Goat" (Dt. "Das Fest des Ziegenbocks") hat gewonnen:
Claudia Troßmann!

Unsere Glücksfee, Andrea Alvermann, hat per Zufallszahlengenerator Kommentar Nummer 3 ermittelt.

Dieser Roman von Mario Vargas Llosa, Träger des Literaturnobelpreises 2010, erschien im Jahr 2000. Die FAZ beschrieb das Buch seinerzeit als "meisterhaften Diktatorenroman". Auch wenn die Zeit der Diktatoren längst vorbei sei, hieß es weiter, würden Scheindemokratien ins Rampenlicht gezogen.

Vielen Dank an Texttreff-Mitglied Friederike Schmitz für das Buch.

Sabine Schönberg am 20. Oktober 2010, 20:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Glosse #11: Print wirkt – wie ausgestorben ...

Das ist der 11. Beitrag zum Texttreff-Glossenschreibwettbewerb. Die Glossen werden anonym eingestellt.

Beitrag zum Thema: Ich seh mich schon in 20 Jahren

Print wirkt – wie ausgestorben ...

Die Zukunft der Medien – ein Thema, das wohl genauso rätselhaft bleibt wie die Tatsache, dass Dieter Bohlen einen Abschluss in BWL geschafft hat. Oder warum Gurke einfach nicht so lecker ist wie Chips oder Schokolade. Spulen wir kurz vor und werfen einen Blick in die Zukunft, ins Jahr 2031 ...

Fünf Jahre ist es her, dass die letzte Papierfabrik ihre Pforten schließen musste. Ein paar Bäume gibt es zwar überraschenderweise noch, aber GreenApple, dem Zusammenschluss von Greenpeace und Apple, ist es inzwischen gelungen, auch den letzten Baum unfällbar zu machen. Das riesige Angebot an Niedriglohn-Baumbesetzern – ein Job, zu dem auch viele arbeitslose Journalisten umgeschult wurden – haben es dem Weltkonzern ermöglicht, Print endlich den Todesstoß zu versetzen, indem sie einfach den Papier-Hahn zudrehen. Inzwischen sind Ipad, Ipod und Ipuma (Sportedition) in beinahe jedem Haushalt zu finden – lässt sich der Kauf nach dem Zusammenschluss mit Greenpeace doch als Spende steuerlich absetzen. Wer braucht da Bibel, "Bild" oder "Beef" auf totem Holz?

Dass es keine gedruckten Bücher mehr gibt, stört nur verschrobene Traditionalisten. Bücher – das ist ein völlig überholtes Konzept. Unhandlich, weder Lautsprecher noch komfortable Suchfunktion, keine einzige App verfügbar. Und dann die Verletzungsgefahr! Nachdem sich eine Amerikanerin an einer Buchseite der dreizehnten Biografie von Paris Hilton geschnitten hatte und den Weltverlag RandomSteinBornHouse auf 100 Billionen Dollar verklagt hatte, ging auch der letzte Druck-Riese pleite. Dies besiegelte das Schicksal der Bücher, das zuvor schon die Zeitungen ereilt hatte. Und zwar zu Recht: Geld für Informationen auszugeben, die man einen Tag zuvor bereits kostenlos per TV, Radio, Internet bekam – eine absurde Vorstellung!

Papier ist aus dem täglichen Leben inzwischen weitgehend verschwunden. Natürlich gab es Proteste, allerdings beschränkten die sich auf den Toilettenbereich, in dem die Menschheit nur schwer von liebgewonnenen Gewohnheiten lassen kann. Mit der Einführung des Lokus-Lotus-Lappens (Slogan: "Wischen, wedeln, waschen – wie neu!") wurde der Sturm der Entrüstung jedoch schnell zum lauen Lüftchen. Ein Promi mit Papiertaschentuch in der Hand ist inzwischen ein größerer Skandal als ein Star im bodenlangen Hermelin mit Blauwal-Handtasche. Nur die Fischhändler waren eine Zeitlang ratlos, worin sie jetzt ihre Ware einwickeln sollten. Dieses Problem wurde bald gelöst, denn kurz darauf starb die letzte Fischart aus.

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Nachtrag: Die Gewinnerinnen des 1. TTSW stehen fest, die Namen der Autorinnen werden nun bekanntgegeben. Wer diesen Text geschrieben hat, steht links unter dem Artikel.

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Britta Janzen am 20. Oktober 2010, 00:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Di Okt 19, 2010

Kommentar-Gewinnerin Glosse #9

Die 9. Kommentar-Gewinnerin steht fest! Den Bildband "Heidelberg Moments" hat gewonnen:
Judith Burger!

Unsere Glücksfee, Andrea Alvermann, hat per Zufallszahlengenerator Kommentar Nummer 2 ermittelt.

Kurzbeschreibung:

"Dieser einzigartige Bildband (dt./engl.) zeigt auf 240 Seiten traumhafte historische schwarz-weiß Aufnahmen aus der Zeit der 20er bis 60er. Die Bildthemen führen Sie durch die Jahreszeiten, das Leben am Fluss und zeigen besondere Impressionen der Stadt am Neckar."

Vielen Dank an Texttreff-Mitglied Birgit Heintz für die Spende.

Sabine Schönberg am 19. Oktober 2010, 11:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Glosse #10: Mein Name ist Kolumbus

Das ist der 10. Beitrag zum Texttreff-Glossenschreibwettbewerb. Die Glossen werden anonym eingestellt.

Beitrag zum Thema: Ich seh mich schon in 20 Jahren

Mein Name ist Kolumbus

Mein Name ist Kolumbus. Sie werden mich an einem sonnendurchfluteten Ort finden, auf der Suche nach Abenteuern, neue Welten erforschend. Ein Buch auf den Knien, neben meinem Stuhl ein Blatt und einen Stift. Nichts besonderes, werden Sie einwenden.
Nein, warten Sie. Was bedeutet Lesen für Sie?

Für mich ist das geschriebene Wort Sucht. Reiner Überlebenskampf. Ohne Bücher bin ich nicht ich. Mit Wörtern habe ich die Welt erobert, mir angeeignet. Nur so überlebte ich als Hörbehinderte in einer hörenden Welt. Das ist jetzt über vierzig Jahre her.

Auch in zwanzig Jahren werde ich das Leben einatmen, schmecken. In vollen Zügen und nicht weniger. Leben pur wird es sein, Angst pur. Verzweiflung pur. Nervenkitzel pur und Romantik pur.
Fragen Sie ruhig meine Bekannten. Sie werden Ihnen erklären: Die Frau von nebenan führt doch ein ganz normales Leben. Eskapaden? Ich sage Ihnen, sie täuschen sich.

Die Abenteuer fingen mit der Buchstabensuppe an. Als mir klar wurde, daß ich diese winzigen Nudeln aneinanderreihen und damit Laute bilden konnte, die sich zu Wörtern verdichteten, war ich nicht mehr zu halten. Wort für Wort ergaben sie Sinn; schufen Kosmos aus Chaos. Und dann war ich unterwegs, um diesen Kosmos zu erforschen. Kolumbus eben.

Ich seh' mich schon in zwanzig Jahren. Ich hocke immer noch da, wo ich jetzt bin und auch wieder nicht, denn jeden Tag bin ich auf Reisen. Egal, ob ich Geld habe, oder nicht. Unbeachtet, ob meine Hüften es zulassen oder nicht.
Weiterhin wird Neugierde mich treiben.
Denn kein Fetzen Papier wird ungelesen bleiben. Das Spiel der Sprache fasziniert mich; ich werde ihm nie überdrüssig.

Seien Sie ehrlich: Ein Leben ist einfach nicht genug. Ich habe keine Zeit, erst die Probe dieser Existenz zu bestehen, um dann in einer möglichen Reinkarnation nach dem Tode andere Welten und Leben zu erforschen.
Deshalb lese und schreibe ich.
Ich will hier und jetzt alles haben. Ich bin furchtlos mit den Furchtlosen, ängstlich mit den Angsthasen und tapfer mit den Unbesiegbaren. Ferne Galaxien und Kontinente erforsche ich.

Wann waren Sie eigentlich zuletzt beim Mars? Wollen Sie mit mir die Welt Konstantinopels erobern? Ist eine Reise nach Al-Andalus gefällig? Möchten Sie Sklaven befreien oder mit einer chinesischen Dschunke in See stechen? Durchqueren Sie die Wüste Gobi, weil Sie auf der Seidenstraße kostbare Waren aus dem Orient in den Okzident verfrachten und dabei allen Widerständen trotzen?
Oder blicken Sie lieber in die Zukunft? Versetzen Sie sich in einen genmanipulierten Menschen, leben Sie in den Trümmern unserer Zivilisation?
Wollen Sie Rache und denken sich perfide Verbrechen aus?

Ich bin nicht nur die Frau von nebenan, die ihre Arbeit tut; ich bin Kolumbus. Bin Ritter, Jungfrau, Held und Bösewicht, bekämpfe Drachen und Ungeheuer. Ich bin Zauberer, Mann, Frau oder Kind, Ausländer, reich oder arm, Detektiv und Mörder. Kein Schicksal ist mir fremd.
Jeden Tag suche ich mir eine neue Rolle aus, damit ich leben kann, wie ich es in meinem realen Leben niemals wagte. Dafür bin ich zu schüchtern, zu ängstlich und … so bin ich halt.

Doch ich lese nicht nur. Ich schreibe mich selbst auf Papier. Die vielen Leben, die ich lebe, werden in fiktiven Welten erschaffen.
Ob es Flucht ist? Nein, es ist viel mehr. Die Welt ist nicht schwarz-weiß und auch nicht grau in grau.
Schriftsteller haben mir den Blick auf die kleinen Dinge des Alltags geschenkt. Mit Büchern und dem Schreiben lebe ich bewußter, dankbarer und toleranter.
Glauben Sie mir, wer viele Leben lebt, erntet auch die Weisheit der Protagonisten. Deshalb werde ich in zwanzig Jahren eine weise und unerschrockene Lady sein, die wirklich aus dem Vollen schöpft.

Natürlich gebe ich etwas zurück. Dann schreibe ich so, daß Menschen – Erwachsene und Kinder – mit den Helden meiner Geschichten zittern, bangen, lachen und leben und das Buch kaum aus der Hand lassen möchten. Dann schließt sich der Kreis meines Lebens und ich werde wirklich verstehen, was Hermann Hesse meinte, als er behauptete:
"Von den vielen Welten, die der Mensch nicht von der Natur geschenkt bekam, sondern sich aus eigenem Geist erschaffen hat, ist die Welt der Bücher die größte."

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Nachtrag: Die Gewinnerinnen des 1. TTSW stehen fest, die Namen der Autorinnen werden nun bekanntgegeben. Wer diesen Text geschrieben hat, steht links unter dem Artikel. | Weiter ...

Eva Maria Nielsen am 19. Oktober 2010, 00:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Mo Okt 18, 2010

Kommentar-Gewinnerin Glosse #8

Die 8. Kommentar-Gewinnerin steht fest! Das Buch "Klartext für Anwälte" von Eva Engelken hat gewonnen:
Martina Freyer.

Unsere Glücksfee, Andrea Alvermann, hat per Zufallszahlengenerator Kommentar Nummer 1 ermittelt.

Kurzbeschreibung:

Anwälte, die ihre Inhalte jederzeit auch für Laien auf den Punkt bringen können, wenn es komplex und fachlich wird, ziehen Mandanten und Fälle magnetisch an. In einem immer härteren Verdrängungswettbewerb der Rechtsexperten setzt sich am Ende der durch, der klarer kommuniziert. Autorin Eva Engelken erläutert anhand zahlreicher Beispiele, wie man nicht nur gegenüber Mandanten, sondern auch in der Öffentlichkeit, in der Kanzleiwerbung, im Internet und gegenüber Medien Klartext spricht. Sie gibt Tipps zur Präsentation juristischer Sachverhalte in Radio und Fernsehen und zeigt, wie Anwälte und ihre Kanzleien von der Presse wahrgenommen werden. Interviews von und mit Sprachexperten und Praktikern aus Medien, PR und Anwaltsmarketing runden das Buch ab und machen es zu einem hilfreichen Ratgeber in allen Fragen der professionellen Kommunikation.



Vielen Dank an Texttreff-Mitglied und Autorin Eva Engelken für die Spende.

Sabine Schönberg am 18. Oktober 2010, 17:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Glosse #9: Teile und regiere!

Das ist der 9. Beitrag zum Texttreff-Glossenschreibwettbewerb. Die Glossen werden anonym eingestellt.

Beitrag zum Thema: Die schrägsten Vorlagen liefert die Politik

Teile und regiere!

Menschen sind Menschen sind Menschen. Nicht ganz. Manche Menschen sind Migranten. Und manche sind ALG-II-Empfänger, auch Hartz-IV-Empfänger oder – einfacher – Sozialschmarotzer, genannt.

"Teile und regiere!", so lautete die Methode der Kolonialverwaltungen in Afrika und anderswo auf der Welt. Sie wurde angewendet, wo eine Regierung versuchte ein ihr fremdes Volk zu beherrschen. Der Zusammenhalt der Gesellschaft sollte zerstört werden, damit sie leichter regierbar wurde. Die Folgen dieser Strategie sind bis heute spürbar. Die dadurch ausgelösten Konflikte dauern an. Es ist kein Ende in Sicht.

Erstaunlich deshalb, dass Regierungen im 21. Jahrhundert immer noch zu solch archaischen zerstörerischen Methoden greifen. Die Regierungen in Deutschland – nicht nur die jetzige, wobei diese die Methode zu perfektionieren droht – versuchen immer wieder die Gesellschaft in Gruppen zu spalten. Politiker leisten mithilfe der Medien gute Arbeit, die Menschen zu kategorisieren, Gruppen zu verfestigen und damit die Gemeinschaft zu zerstören.

Es ist wirklich nicht sehr schwierig, Gemeinschaften in Gruppen zu spalten. Die Entwicklung von Feindbildern wurde in der Vergangenheit ausführlich untersucht. Die Methoden und Mechanismen sind bekannt. Sie können beliebig oft wiederholt werden. Aus Vorurteilen macht man mithilfe von nichtssagenden oder fehlinterpretierten Statistiken Fakten. Gruppenzusammenhalt und Zugehörigkeitsgefühl werden durch Ausgrenzung und Diskriminierung gestärkt.

Die Methode "teile und regiere" ist nicht untergegangen. Sie hat Hochkonjunktur.

Auch längst überholte Theorien werden aus Verzweiflung über die Unregierbarkeit eines demokratiewilligen Volkes wieder ausgegraben. Wenn Politiker von Kulturkreisen sprechen, dann muss man annehmen, dass sie in ihrer Ausbildung Lehrbücher aus den Tagen des deutschen Kaiserreiches als Deutschland noch Kolonien hatte gelesen haben. Die heutige Politik und Rhetorik scheint sich an der damaligen Zeit zu orientieren.

Das einzig Gute an der ganzen Sache: Die Strategie funktioniert nicht mehr. Die Menschen sind klüger geworden. Politiker leider nicht. Sie versuchen weiterhin ein ihnen gänzlich unbekanntes Volk durch die Strategie "teile und regiere" zu beherrschen.

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Nachtrag: Die Gewinnerinnen des 1. TTSW stehen fest, die Namen der Autorinnen werden nun bekanntgegeben. Wer diesen Text geschrieben hat, steht links unter dem Artikel.

Katrin Zinoun am 18. Oktober 2010, 00:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Fr Okt 15, 2010

Kommentar-Gewinnerin Glosse #7

Die 7. Kommentar-Gewinnerin steht fest! Das Buch "Die Maurin" von Lea Korte hat gewonnen:
Britta Janzen!

Unsere Glücksfee, Andrea Alvermann, hat per Zufallszahlengenerator Kommentar Nummer 14 ermittelt.

Kurzbeschreibung:
Andalusien im 15. Jahrhundert: Zwischen Mauren und Christen toben erbitterte Kämpfe - Kämpfe, die auch das Leben der jungen Zahra nicht unberührt lassen. Als Hofdame und enge Vertraute Aischas, der Hauptfrau des Emirs, gerät sie in ein grausames Spiel aus Intrigen und rücksichtslosen Machtkämpfen. Dann verliebt sie sich ausgerechnet in den Kastilier Gonzalo - eine Liebe, die sie in tödliche Gefahr bringt ...

Eine spannende historische Epoche und eine verbotene Liebe.

Vielen Dank an Lea Korte für das Buch.

Sabine Schönberg am 15. Oktober 2010, 17:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Glosse #8: Angestellte außer Rand und Band

Das ist der 8. Beitrag zum Texttreff-Glossenschreibwettbewerb. Die Glossen werden anonym eingestellt.

Beitrag zum Thema: Das Leben einer Selbstständigen schreibt die besten Anekdoten

Angestellte außer Rand und Band

In meiner Straße gibt es ein Erlebnislokal, das eingerichtet ist wie eine Kreuzung aus Skipiste, Almhütte und schwedischen Wäldern. Vorher befand sich in denselben Räumlichkeiten ein Edellokal mit den edellokaltypischen kleinen Portionen zu großen Preisen. Das kam nicht so gut an in der Nachbarschaft, obwohl das Essen tatsächlich vorzüglich war. Als dann an Stelle des Edellokals das Erlebnislokal eröffnete, war ich zuerst fasziniert von so viel Durchgeknalltheit und dann überzeugt, dass es keine zwei Monate durchhalten würde. Aber weit gefehlt. Zwar hält sich die Begeisterung in der Nachbarschaft in engen Grenzen, doch das Erlebnislokal hat durch geschicktes Online-Marketing oder sonstige werbliche Tricks einen ganz anderen Kundenkreis an sich gebunden, der in der Nachbarschaft nur schwach vertreten ist: die Angestellten. Die Angestellten feiern im Erlebnislokal rauschende Feste. Schon ab 21.30 Uhr kann es passieren, dass man am Erlebnislokal vorbeiflaniert und drinnen ein wildes Treiben stattfindet, das meinen Begleiter vor kurzem zu der Bemerkung veranlasste: “Die Angestellten wieder völlig außer Rand und Band.”

Die Angestellten können schon um 21.30 Uhr ausgelassen zu den größten Hits der 70er, 80er und 90er tanzen, als gäbe es kein Morgen, weil es eben doch ein Morgen gibt, an dem sie wieder in seriösem Aufzug an ihren Arbeitsplätzen erscheinen müssen. Ich dagegen bin selbstständig, um genauer zu sein: Freiberuflerin, was bedeutet, dass ich fast nie in seriösem Aufzug irgendwo sein muss. Stattdessen darf ich mich allmorgendlich selbst überreden, das Haus zu verlassen und mich an meinen von mir selbst angemieteten Arbeitsort zu begeben, wo ich dann wiederum selbst dafür Sorge trage, dass ich mehr Geld verdiene als ich in derselben Zeit mit Onlineshopping verplempere. Wenn ich damit aufhöre, ist es irgendeine nicht festgelegte Uhrzeit, und ich verlasse meine Arbeitsstelle in dem Wissen, wieder einmal weniger geschafft zu haben als eigentlich gut gewesen wäre. Wäre ich Angestellte, könnte ich mich auf den Feierabend und vielleicht auf eine Betriebsfeier im Erlebnislokal freuen, wo es schon zu Zeiten rund geht, in denen man noch wach genug ist, um das auch mitzubekommen. Aber die Feiern im Erlebnislokal sind immer geschlossene Veranstaltungen, da bin ich leider nicht willkommen. Wenn ich tanzen will, muss ich das entweder zuhause machen – was nach mehreren Stunden am einsamen Arbeitsort keine verlockende Alternative ist – oder warten, bis normale Tanzetablissements aufmachen. Das kann ziemlich dauern, denn hier befindet sich die Freiberuflerin in erzwungener Ausgehsymbiose mit Touristen, Studenten und anderen Freiberuflern, die aus Gründen der Lebenszeitplanung oder Coolness nicht vor 1 Uhr früh beginnen, das Tanzbein zu schwingen. In Worten: Ein Uhr nachts! Da fahren die letzten Taxen vorm Erlebnislokal vor und transportieren die Angestellten zu ihren Schnuffelbettchen, wo sie sich von den aufwühlenden Erlebnissen im Erlebnislokal erholen. Ein Uhr nachts ist eine Zeit, zu der auch ich gerne schlafen gehe, aber anders als die Angestellten habe ich als Freiberuflerin nicht die Freiheit, zu arbeiten, zu schlafen und zu feiern. Ich muss Prioritäten setzen. Vielleicht fange ich als Kellnerin im Erlebnislokal an.

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Nachtrag: Die Gewinnerinnen des 1. TTSW stehen fest, die Namen der Autorinnen werden nun bekanntgegeben. Wer diesen Text geschrieben hat, steht links unter dem Artikel.

Julia Ritter am 15. Oktober 2010, 00:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Do Okt 14, 2010

Zwei Buttons für den TTSW

Der Texttreff-Schreibwettbewerb hat jetzt seinen Button! Besser gesagt: zwei Buttons. Wer mag, kann sie gern mitnehmen und damit in Blogs, auf Facebook, wo auch immer es beliebt, auf den 1. TTSW hinweisen.

Button 1 kommt von Texttreff-Mitglied Birgit Schmidt-Hurtienne (Website):

Bild-Alternativtext fehlt

Button 2 hat Texttreff-Mitglied Janine Obermöller-Gras gestaltet:

Bild-Alternativtext fehlt

Herzlichen Dank Euch beiden!

Andrea Groh am 14. Oktober 2010, 19:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Kommentar-Gewinnerin Glosse #6

Die 6. Kommentar-Gewinnerin steht fest! Eine CD mit skandinavischer Musik hat gewonnen:
Petra Marie Schmidt!

Unsere Glücksfee, Andrea Alvermann, hat per Zufallszahlengenerator Kommentar Nummer 2 ermittelt.

Die Gewinnerin darf unter drei verschiedenen Interpreten wählen. Um welche CDs es sich handelt, bleibt weiterhin eine Überraschung.

Nur soviel sei gesagt:
Der „Scandinavian Sound“ findet immer mehr Anhänger und blickt auf eine stetig wachsende Fangemeinde zurück. Unter dem Begriff „nordische Musik“ oder eben „Scandinavian Sound“ versteht man die Musik des gesamten nördlichen Raums, also Finnland, Dänemark, Norwegen und Schweden. Bekannte Musikgrößen wie etwa Abba, Jimi Tenor oder Lordi überzeugen ihre Fans schon seit langer Zeit.

Vielen Dank an unser Texttreff-Mitglied aus Dänemark, Eva Maria Nielsen, für die CD-Spende.

Sabine Schönberg am 14. Oktober 2010, 15:10 | 0 Trackbacks | Glossen

TTSW - Platz 5: Schluss mit dem Rechnungschaos!

Das Schreiben von Rechnungen und das Überwachen des Zahlungseinganges gehört für viele Selbstständige keineswegs zu den Lieblingsbeschäftigungen.

Glücklich schätzen kann sich daher die Gewinnerin des 5. Preises, die dank der von Billomat zur Verfügung gestellten dreimonatigen kostenlosen Probenutzung des Premium-Tarifs (Tarif XL) im Wert von 147,- Euro ihre Rechnungen in Zukunft online verwalten kann.

Auch Angebote können mit dem System schneller erstellt, Umsätze grafisch dargestellt, Kundendaten einfacher gepflegt werden. Wie es funktioniert zeigt eine Tour auf der Billomat-Webseite.

Bild-Alternativtext fehlt

Vielleicht kann die Gewinnerin die durch die Billomat-Nutzung gewonnene Zeit demnächst für das Schreiben weiterer Glossen verwenden?

Herzlichen Dank an Billomat und die Vermittlerin Julia Dombrowski!

Daniela Dreuth am 14. Oktober 2010, 12:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Glosse #7: Wenn der Postmann zweimal …

Das ist der 7. Beitrag zum Texttreff-Glossenschreibwettbewerb. Die Glossen werden anonym eingestellt.

Beitrag zum Thema: Das Leben einer Selbstständigen schreibt die besten Anekdoten

Wenn der Postmann zweimal …

… nee, zweimal reicht nicht. Täglich klingelt der Postmann bei Menschen, die Parterre wohnen und im Homeoffice arbeiten. So ein Mensch bin ich. Postfrauen mit übergroßen Briefumschlägen, schnaufende DHL-Männer, sonore Hermes-Boten, sie alle klingeln jeden Tag und tragen diesen erleichterten Gesichtsausdruck, wenn ich ihnen die Tür öffne. Einer ließ sich auch schon zu einer großen Geste hinreißen: „Sie sind ein Glück für die Deutsche Post!“ Bin ich das? Das personifizierte Post-Glück! Wer kann das schon von sich behaupten? Als Schnittstelle zwischen Ebay, Amazon, Otto und den Mietern unseres Wohnhauses wähne ich mich bald unersetzlich.

Und ja, es ist endlich an der Zeit, es einmal ganz offen auszusprechen: Als Freiberuflerin habe ich maßgeblich dazu beigetragen, dass unser Land gut durch die Wirtschaftskrise gekommen ist. Denn ich bin ein Multiplikator des positiven Konsumverhaltens. Lassen Sie mich das kurz erklären. Die arbeitende Bevölkerung versucht mit allen Mitteln, ihre Konsumbereitschaft auch in schlechten Zeiten der Wirtschaft angedeihen zu lassen. Jedoch ist das nicht immer einfach, denn für ausgedehnte Shopping-Touren in der Innenstadt haben klassische Arbeitnehmer kaum noch Zeit. Ausweg bieten da die zahlreichen Web-Shops, die Bezahlung per Online-Banking und der Warenerhalt auf dem Postweg. Wer aber bis zum frühen Abend im Büro sitzt und dann noch die Kinder einsammeln muss, kann seine bestellten Sachen niemals zu Hause entgegen nehmen. Letzter Ausweg wäre der Gang auf das Postamt, wo allerdings zu späterer Stunde die Warteschlangen ins Unermessliche wachsen. Wenn dann noch schlechte Witterung wegen fortschleichenden Klimawandels herrscht, wird es ganz schlimm. Der zunächst so einfache Bestellvorgang im Internet wächst sich zum zeitraubenden Desaster aus.

Und da komme ich ins Spiel! Springe als Freiberuflerin in die Bresche. Warum auch sollte ich sonst von zu Hause arbeiten? Bemerkte doch letztens einer der Hausinsassen, der abends seinen vier Meter großen Rasenmäher aus meinem Flur holte, den ich am Morgen entgegen genommen hatte und der den ganzen Tag den Eingang zu meinem Badezimmer versperrte … Bemerkte also der Rasenmäher-Mann: „Es ist so nett, dass Sie immer meine Pakete entgegen nehmen. Sie haben tagsüber sicher auch andere Dinge zu tun, wenn die Post andauernd klingelt. Ich meine, wenn Sie da gerade einen Kuchen im Ofen haben oder beim Reinemachen sind …“ Tja, das wäre allerdings nicht auszudenken. Aber so lange Postaustragearbeitszeit herrscht, konzentriere ich mich voll und ganz auf meine Annahmepflicht als Freiberuflerin. Man muss schon 100 Prozent bei der Sache sein, sonst wird das nichts. Stellen Sie sich vor, ich säße gerade am Schreibtisch und textete eine Broschüre oder andere Nebensächlichkeiten. Das wäre dem Paketboten gegenüber nicht gerade fein. Er käme sich doch total daneben vor, mich erst hinter dem Schreibtisch vorklingeln zu müssen.

Das hätten wir also geklärt, nicht wahr? Freiberufler sind dazu da, anderen das Leben leicht zu machen. Sie passen auf Kinder anderer Eltern auf, denn sie sind ja zu Hause. Sie übernehmen Blumengießdienste, lassen Handwerker ins Haus und räumen fremde Garagen auf. Es gibt immer was zu tun für diese netten Freiberufler. Ich bin’s gern. Von wegen schwankende Auftragslage? Schlechte Bezahlung? Prekär arbeiten? Nichts da! Dieses Ding mit dem Prekariat, das hat die Gesellschaft ohnehin missverstanden. Das kommt nämlich von Pre Care und bedeutet „vor der Sicherheit“, was soviel heißt, mit mir sind Sie sicherer als sicher! Hätten Sie mich als Freiberufler unten im Haus wohnend, steckten Ihre Online-Einkäufe in Sack und Tüten, statt in den hinteren Regalen still dümpelnder Post-Filialen zu versauern. Würde ich allerdings im Haus ganz oben wohnen, läge der ganze Fall wiederum ganz anders. Denn man darf von Paketdienst-Beamten nicht noch erwarten, dass sie ihrem Glück entgegen steigen müssen. Aber dazu das nächste Mal.

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Nachtrag: Die Gewinnerinnen des 1. TTSW stehen fest, die Namen der Autorinnen werden nun bekanntgegeben. Wer diesen Text geschrieben hat, steht links unter dem Artikel.

Judith Burger am 14. Oktober 2010, 11:10 | 0 Trackbacks | Glossen

TTSW: Preise 2, 3 und 4 - Schmuck zum Verlieben

Nachdem der erste Preis beim 1. Texttreff-Schreibwettbewerb eher flüchtiger Natur ist, können sich die Gewinnerinnen des zweiten, dritten und vierten Platzes über eine bleibende Erinnerung freuen: Es handelt sich um wahre Schmuckstücke - sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinn.

Zur Verfügung gestellt werden sie von TeNo.

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TeNo steht seit 10 Jahren für zeitlosen Schmuck, Uhren und Accessoires made in Germany.

Die Gewinnerin des zweiten Preises erhält einen TeNo-Anhänger KyRa aus satiniertem Edelstahl mit einem Brillanten 0,04 ct. und Kautschukcollier im Wert von € 225,-:

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Die Autorin der drittbesten Glosse kann sich über einen TeNo-Anhänger VeeNa aus satiniertem Edelstahl mit einem Brillanten 0,02 ct. und Seilcollier im Wert von € 185,- freuen:

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Beim vierten Preis handelt es sich um einen TeNo-Anhänger VeeNa aus satiniertem Edelstahl mit einem Brillanten 0,02 ct. und Seilcollier im Wert von € 180,-

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Wir sind begeistert, derart hochwertige Preise ausloben zu können.

Ein herzliches Dankeschön an TeNo und unsere Vermittlerin Biggi Mestmäcker.

Und für alle, die nicht abwarten können oder schon auf der Suche nach einem attraktiven Weihnachtsgeschenk sind, geht es hier zum kompletten Angebot von TeNo und zur TeNo-Facebook-Seite.

Tipp: TeNo feiert Jubiläum. Deshalb gibt es noch bis zum Ende des Jahres viele Schmuckstücke um 10 Prozent reduziert.

Daniela Dreuth am 14. Oktober 2010, 10:10 | 0 Trackbacks | Glossen

TTSW – der 1. Preis: Ein Urlaub für die beste Glosse

Die ersten eingereichten Glossen zeigen schon, dass wir einen hochkarätigen Wettbewerb erwarten können. Die von der Jury ausgewählten besten fünfzehn Wettbewerbsbeiträge werden in einem E-Book veröffentlicht. Darüber hinaus warten aber noch weitere sehr attraktive Preise auf die Teilnehmerinnen.

Die fünf Hauptpreise werden wir nun in mehreren Blogartikeln vorstellen. Wir beginnen mit dem Preis für die beste Glosse, den uns Lau Toxværd aus Dänemark zur Verfügung stellt: Eine Woche in seinem Ferienhaus auf einer unbewohnten dänischen Insel. Zeit, die zum ungestörten Schreiben ebenso genutzt werden könnte wie zum Ausspannen.

Der Spender schreibt:
"Eine Woche auf einer einsamen Insel ...
- oder fast. Brandsø ist eine Privatinsel im Kleinen Belt zwischen Fünen und Jütland – umgeben von der schönsten Landschaft Dänemarks. Brandsø gehört zum Gutshof Wedellsborg, und nur die wenigen, die ein Ferienhaus auf der Insel besitzen, dürfen sie betreten.

Ein Spaziergang am Strand entlang um die Insel herum dauert ein paar Stunden. Unterwegs kann man ein wunderschönes und von Füchsen und Raubtieren ungestörtes Vogelleben genießen. Schafe, Rotwild und andere Hirscharten sind zahlreich auf der Insel vertreten. Die Insel ist ein Naturreservat – das spürt und sieht man.

Wir bieten eine Woche auf Brandsø in einem restauriertem Haus, Markhuset, mit Platz für sechs Personen an. Die Bequemlichkeiten des Hauses werden auf www.markhuset.dk gezeigt. Hier herrschen Ruhe und Frieden, durch einen DSL-Anschluss fehlt aber auch die Verbindung zur Außenwelt nicht.

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Wir sorgen für die Überfahrt in einem Privatboot und für ein Starterpaket in Form von Lebensmitteln – leckeren Delikatessen und Weine für die ersten paar Tage. Andere Lebensmittel können zum Selbstkostenpreis beim Bootsführer bestellt werden, er kauft ein und liefert an.

Brandsø ist ein wahrhaftiges Refugium – ein Ort, um sich zurückzuziehen und Arbeitsruhe zu finden – oder sich selber. Es ist einer der wenigen Orte in Dänemark, wo die Natur noch ungestört ist.

Wir empfehlen, die Prämie während der hellen Sommermonate einzugelösen, Markhuset steht aber das ganze Jahr zur Verfügung. Mutter Natur kann die Überfahrt erschweren oder verspäten – aber wir tun unser Bestes."

Vermittelt hat diesen Preis Texttreff-Mitglied Jette Ziegler. Ein herzliches Dankschön an Jette, aber vor allem an Lau Toxværd für diesen fantastischen Preis!

Daniela Dreuth am 14. Oktober 2010, 08:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Mi Okt 13, 2010

Kommentar-Gewinnerin Glosse #5

Die 5. Kommentar-Gewinnerin steht fest! Einen Sprachkurs nach Wahl von The Grooves hat gewonnen:
Judith Torma!

Unsere Glücksfee, Andrea Alvermann, hat per Zufallszahlengenerator Kommentar Nummer 12 ermittelt.

Über die Sprachkurse von The Grooves:

"The Grooves ist der erste Sprachkurs, bei dem Sie mittanzen wollen.
Eine spezielle Kombination aus Musik und Sprache sorgt dafür, dass der reichhaltige Wortschatz sozusagen "swingend" im Gedächtnis abgespeichert wird. So erzielen Sie durch reines Zuhören den gewünschten Lernerfolg!

Die Sprachkurse von The Grooves eignen sich für den Neueinstieg in eine Sprache, aber auch zur Auffrischung bereits vorhandener Kenntnisse. Wichtige und nützliche Redewendungen und Vokabeln werden auf den CDs mehrmals im Wechsel Deutsch/Fremdsprache wiederholt und mit lockeren Sounds verknüpft. Die zum jeweiligen Kulturraum passende Musik vermittelt eine authentische Atmosphäre."

Vielen Dank an Eva Brandecker, "The Grooves", für die Spende!

Andrea Groh am 13. Oktober 2010, 18:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Glosse #6: Der unperfekte Tag

Das ist der 6. Beitrag zum Texttreff-Glossenschreibwettbewerb. Die Glossen werden anonym eingestellt.

Beitrag zum Thema: Das Leben einer Selbstständigen schreibt die besten Anekdoten

Der unperfekte Tag

Ich finde mein Leben als Freie herrlich. Während andere sich morgens abhetzen, im Stau stehen und völlig entnervt das Büro erreichen, läuft mein Tag etwas entspannter an. Nachdem Mann und Kind aus dem Haus sind frühstücke ich, dusche, gelegentlich gehe ich sogar zum Sport, bevor ich mit der Arbeit beginne.

Natürlich gibt es auch Tage, an denen eine Freie Stress hat. Meistens beginnt es damit, dass ich in meinen Kalender das Wort „Deadline“ finde. Dääädlein? Was war das noch? Ich erinnere mich: Die Deadline bezeichnet den Zeitpunkt, an dem ich verschiedene Texte für ein Projekt abgeben muss! Häufig versetzt mich so ein Termin in sofortige Aktion, hin und wieder beschließe ich aber, dass ich noch Zeit habe und das Ganze demnächst angehe. Wie dem auch sei: Früher oder später habe ich Druck. Etwas zügiger als sonst marschiere ich mit meinem Kaffee ins Büro und lege los. Das bedeutet: Ich starte Word und starre auf ein leeres Blatt. So uninspiriert kann ich aber nicht arbeiten. Also öffne ich zunächst Twitter & Facebook und untersuche, wie es meinen Freunden in der virtuellen Welt geht.

Jetzt ist schnell Action angesagt und in diesem Moment passiert es auch: Ich stoße an die volle Tasse und der Inhalt ergießt sich auf die Tastatur und den Tisch. Dank der Löcher meines superschicken Designer-Computertisches rinnt die Brühe im gleichen Atemzug auf den AllinOne-Alleskönner und auf meinen wunderbaren Fotodrucker darunter. Ich gerate in Panik. Erregt fluche ich Worte, die ich hier nicht wiederholen möchte. Was soll ich zuerst retten? Ich entscheide mich für eine Erste-Hilfe-Maßnahme an der Tastatur, reiße sie vom Schreibtisch und lege sie verkehrt herum zurück. Das war ein kluger Schachzug. Denn alles, was bereits in die Tastatur gelaufen war, tropft nun zusätzlich auf die Drucker.

Panisch haste ich in die Küche und kehre mit Zewa und Lappen zurück. Als ich die Bürotür passiere, stolpere ich über die Katze, welche sich dummerweise dort niedergelassen hat. Alles fliegt, ich kann mich gerade noch halten, latsche aber der Katz auf den Schwanz. Kreischend und mit gesträubtem Fell flüchtet sie. Nach drei Stunden, einem Paket Papier und einer halbstündigen Föhnsession habe ich wieder alles im Griff. Erschöpft sitze ich nun auf meinem Stuhl und beobachte, wie die Samtpfote den Raum betritt. Sie ist gekränkt. Ich sehe es. Majestätisch, Schwanz und Nase gen Decke gereckt, stolziert sie in die Ecke. Ich denke, sie will es sich dort gemütlich machen - aber nein. Was tun beleidigte Katzen? Genau. Den Blick auf mich gerichtet kackt sie vor meinen Augen auf den Fußboden.

Einen Würgreiz unterdrückend wische ich auch dieses Vermächtnis auf, als sich der Computer zu Wort meldet. Ich erkenne das Geräusch sofort: Es ist die Virenmeldung von AntiVir! Fluchend begebe ich mich an den PC. Keine Meldung. Das Signal ertönt wiederholt. Was muss das für ein schrecklicher Virus sein, wenn er sogar die Warnmeldung verschluckt? Ich prüfe das System: Ergebnislos. Das Warnsignal piept weiter. Vielleicht kommt es nicht von AntiVir? Ist der Lüfter ausgefallen? Der Rechner zu heiß? Ich tue, was jede Frau im Zweifel tut: Ich schalte den Computer aus. Gespenstische Stille tritt ein, da piept es erneut! Ich bin geschockt: WAS ist das? Besitzt mein Kind ein tönendes Spielzeug? Hat sie es in meinem Büro hinterlegt? Zur Sicherheit rufe ich meinen Göttergatten an. Während wir uns beraten, stelle ich das Büro auf den Kopf.

Schließlich entdecke ich es. Es liegt auf dem Tisch. Einsam. Verlassen. Kann es wirklich sein? Wieder erklingt das Geräusch. Vorsichtig nähere ich mich dem Objekt und befinde mich sogleich am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Der Ton stammt weder von meinem PC noch von einem Spielzeug und kündigt auch nicht die Explosion anderer Elektrogeräte an. Mein neues Handy möchte mir mitteilen: Akku bald leer!

Nach diesem Tag beschließe ich: Feierabend. Wozu bin ich eine Freie? Ich rufe den Kunden an und versuche das mit der „Dääädlein“ später noch mal.

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Nachtrag: Die Gewinnerinnen des 1. TTSW stehen fest, die Namen der Autorinnen werden nun bekanntgegeben. Wer diesen Text geschrieben hat, steht links unter dem Artikel.

Sabine Schönberg am 13. Oktober 2010, 17:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Di Okt 12, 2010

Kommentar-Gewinnerin Glosse #4

Die 4. Kommentar-Gewinnerin steht fest! PONS "Die große Grammatik Deutsch" hat gewonnen:
Katrin Zinoun!

Unsere Glücksfee, Andrea Alvermann, hat per Zufallszahlengenerator Kommentar Nummer 11 ermittelt.

"Die große Grammatik Deutsch" spendet eine der Autorinnen, Texttreff-Mitglied Ines Balcik.

Bild-Alternativtext fehlt

Inhalt:
Eine Grammatik der deutschen Sprache, die übersichtlich, für jedermann verständlich und zum schnellen Nachschlagen geeignet ist, das ist PONS Die große Grammatik Deutsch: Das umfassende Nachschlagewerk. Wie schon das schmalere Vorgängerwerk Deutsche Grammatik und Rechtschreibung enthält auch die neue große Grammatik eine Übersicht über die Regeln zu Rechtschreibung und Zeichensetzung und viele nützliche Sprachtipps. Nue hinzugekommen sind eigene Kapitel zu Lautbildung und Aussprache sowie Betonung und Intonation, die in vergleichbaren Werken oft fehlen und die auch für deutsche Muttersprachler hilfreich sind.

Andrea Groh am 12. Oktober 2010, 16:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Glosse #5 Adel verpflichtet

Das ist der 5. Beitrag zum Texttreff-Glossenschreibwettbewerb. Die Glossen werden anonym eingestellt.

Beitrag zum Thema: Die schrägsten Vorlagen liefert die Politik

Adel verpflichtet

Da kann die Werbung ja noch so oft behaupten, der Duft sei für uns unwiderstehlich: Ich mag nicht shampooniert werden! Zugegeben, das Zeug verleiht jedem goldenen Haar einen sanften Schimmer – aber das kann doch nicht aufwiegen, dass ich statt nach mir selbst, vielleicht verfeinert mit einer zarten Note von Straßendreck, nach Heuwiese rieche. Das passt nicht zu mir.

Nun ja, für die Vorteile meiner Stellung muss eben auch ich einen Preis zahlen – und im Großen und Ganzen ist er gerechtfertigt.
Meine Menschen dienen mir mit Freude, ja Begeisterung und scheuen keine Kosten. Und Ge­schmack haben sie auch – schauen Sie nur, wie schön das Weinrot mit meiner blassgoldenen Er­scheinung harmoniert. Herbert bestand darauf, dass es sich um ein Produkt aus artgerechter Tierhaltung handele, was doch für ihn spricht.

Wir leben gut und bequem miteinander. Die von der Züchterin angeratene Welpen- und weiterführende Hundeschule haben die beiden auch mitgemacht und vor allem gelernt, dass ich immer eine Belohnung brauche, wenn ich ein Kommando beherrsche.

Nun stand letztens in der Zeitung, die Stadt erwäge, die Strafgebühren für unsere Hinterlassenschaften drastisch zu erhöhen; im Wiederholungsfalle bis zu 500 Euro.

Herbert und Birgitta fanden, das sei doch nur wieder eine Abzocke für die eh' schon gebeutelten Hundehalter. Sicher hätten die Sesselfurzer im Rathaus keine Ahnung von den Kosten für einen vierbeinigen Freund: Futter (Bio-Qualität und an die Erkenntnisse zur Urnahrung unserer wölfischen Vorfahren angelehnt), Tierarzt, Leinen und Halsbänder, Spielzeug, Pflegemittel (Birgitta hat da letztens so ein Hundeparfum entdeckt, das sie unbedingt mal ausprobieren will) und nicht zu vergessen die Hundesteuer. Wozu sei die eigent­lich da? Für das Geld könnte man ja wohl erwarten, dass der Reinigungswagen das erledigt.

Andererseits fiel Birgitta ein, wie sehr sie sich über die Verschmutzung der neuen Straußenleder­schuhe geärgert hatte, mit denen sie zielstrebig, wenn auch versehentlich in den Haufen getreten war, der am Ende des kleinen Fußweges lauerte – dort hatte ich ihn am Tag vorher bei einem Gang mit Herbert abgesetzt. Manchen Leuten, die ihr Köter an solche Stellen machen lassen, würde eine solche Strafe nur gut tun, meinte sie. Aber selber mit Schäufelchen und Beutelchen Gassi gehen? Nein, danke, Wie sähe das denn aus?

Herbert sucht im Internet nach einem neuen App. Er will eins finden, das die Ortung von Ordnungsamtmitarbeitern ermöglicht – dann könnte man ihnen aus dem Wege gehen. Die haben da doch auch immer was Elektronisches mit und anhand dessen müssten sie doch erfassbar sein, denn niemand kann ihm erzählen, diese großen Dinger wären nicht irgendwie online. Vielleicht beauftragt er ja mal jemanden damit – das wäre gut angelegtes Geld.

Bis er was findet, bleibt jeder Spaziergang eine Herausforderung – können wir die Begegnung mit kleinlichen Ordnungshütern vermeiden?

Mal schauen, wie das ausgeht – aufs Ganze gesehen haben die beiden sich ja durchaus als lernfähig erwiesen. Wenn es also doch kein App zum Aufspüren städtischer Mitarbeiter geben sollte, dann werden sie wohl doch noch so hinter oder neben mir hergehen, wie es ein Bodo vom Blaubachmühlental erwarten kann: dienend, mit Schäufelchen und Beutelchen. Wuff!

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Nachtrag: Die Gewinnerinnen des 1. TTSW stehen fest, die Namen der Autorinnen werden nun bekanntgegeben. Wer diesen Text geschrieben hat, steht links unter dem Artikel.

Heike Baller am 12. Oktober 2010, 09:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Mo Okt 11, 2010

Kommentar-Gewinnerin Glosse #3

Die 3. Kommentar-Gewinnerin steht fest! "Erdbeerflecken" von Mia Bernstein hat gewonnen:
Heike Schmidt-Abidi!

Unsere Glücksfee, Andrea Alvermann, hat per Zufallszahlengenerator Kommentar Nummer 1 ermittelt.

Das Buch, "Erdbeerflecken", spendet die Autorin selbst, Texttreff-Mitglied Mia Bernstein.

Klappentext:
"Schön, dass du auch hier bist!" Wenn Dämlichkeit übertroffen werden sollte, dann war ihm das mit diesem Satz gelungen.
Das wahre Leben.
Dort haben alle schöne Wände, keine Blutflecken, putzen sich zwei Mal am Tag die Zähne und es ist die bedeutungsloseste Tätigkeit des ganzen Tages. Wie glücklich diese Menschen sein müssen, die nicht denken! Eines Tages werde ich auch nicht mehr denken.

Erdbeerflecken:
12 "Kurzgeschichten" vom Leben, vom Suchen, von der Sehnsucht, vom Verlorensein, dem Tod und dem alltäglichen Wahn, anders zu sein. Oder eben auch nicht.

Andrea Groh am 11. Oktober 2010, 20:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Glosse #4 Planetenjäger

Das ist der 4. Beitrag zum Texttreff-Glossenschreibwettbewerb. Die Glossen werden anonym eingestellt.

Beitrag zum Thema: Ich seh mich schon in 20 Jahren

Planetenjäger

Meine Leidenschaft ist die Raumfahrt. Ehrlich. Ich kann stundenlang in den Nachthimmel starren und nach unseren Männern und Frauen da oben Ausschau halten. So richtig sehen kann ich sie nicht, dafür leuchten die Sterne und dieses Monstrum von Mond zu hell. Zum Glück haben WIR nur einen von dieser Sorte! Aber DER ist ein echter Streber. Er führt meine Augen ständig hinters Licht. Wie soll ich da etwas erkennen?

Vor Kurzem habe ich mir deshalb ein Teleskop geliehen. Damit ich sie endlich mal life erleben kann, unsere Wachposten da oben. Es war ein großes; Hubble, meine ich, hieß es. Damit konnte ich zum ersten Mal die ISS ranzoomen, so nah, dass ich spontan raufwinkte, einer inneren Stimme folgend, die da sagte: „Wenn ich jetzt winke, dann laden die mich bestimmt mal zum Tee ein.“ Na gut, wir müssten wohl etwas zusammenrücken: Seitdem Oleg, Alex und Scott, Nachschub für den Astro-Dauer-Dienst, in der ersten voll digital gesteuerten Sojus-Rakete angereist sind, ist der Tee-Tisch wohl zu klein für den 7. Mann. Ist nicht schlimm, liebe Kollegen, ich bin sowieso viel zu beschäftigt mit meinem neuen Projekt.

Gliese 581g heißt es und es ist unsere Zukunft. Jaja, werden Sie sagen, so etwas habe ich schon oft gehört und dann ist wieder nichts draus geworden. Können Sie ruhig sagen. Stört mich kein bisschen. Ich weiß es, entschuldigen Sie, dass ich so deutlich werden muss, eben besser als Sie. Aus Gliese 581g wird was. Hundertprozentig. Ich schätze, in 20 Jahren, da sind wir so weit. Wie weit, möchten Sie wissen? Und womit? Also, langsam habe ich den Verdacht, Sie beschäftigen sich gar nicht mit den wichtigen Fragen des Lebens!

Ich kann‘s ja ein bisschen verstehen. Sind ja auch unangenehm, diese Übersiedlungen. Nur, vermeiden wird man es nicht mehr können. Irgendwann macht es Peng und dann muss es schnell gehen. Da können Sie nur froh sein, dass es Leute gibt, die ihre Augen nicht vor den Notwendigkeiten verschließen. Lange geht das hier doch nicht mehr gut: Luftverschmutzung, Wasserverseuchung, zu wenig Bäume und dann auch noch diese Erderwärmung. Das bietet doch keine Perspektive. Seien wir doch mal ehrlich. Unsere Zukunft liegt im All.

Deshalb starre ich auch ständig da hoch. Aus Jux und Dollerei macht das doch kein Mensch. Das machen nur die Planetenjäger. Und so einer bin ich. Meine Kollegen und ich, wir haben schon 12 Planeten entdeckt. Gliese 581g ist der Neueste. Und der Beste. Jetzt passen Sie auf: Gleicher Abstand zu seiner Sonne, wie unsere Erde zu unserer Sonne. Nur 20 Lichtjahre entfernt. Größer als die Erde. Hat wahrscheinlich Flüsse, Berge und Seen. Ist also praktisch der große Bruder unseres Heimatplaneten. Da lohnt es sich doch, direkt mit den Evakuierungsplänen zu beginnen.

So eine Umsiedlung erfordert natürlich Vorbereitungszeit. Ganz klar. Schließlich müssen noch einige Probleme gelöst werden. Mal willkürlich eins rausgegriffen: die Strahlungsausbrüche der dortigen Sonne, ein Stern der M-Klasse, bekannt für seine impulsive Art. So ein Ausbruch könnte in der Vergangenheit dazu geführt haben, dass das gesamte Gliese-581g-Wasser nun im Weltall rumschwirrt. Als riesiger Wassertropfen sozusagen. Zugegeben, dafür muss ich mir noch was ausdenken. Das kann so nicht bleiben. Stellen Sie sich vor, unsere voll digitalisierte Evakuierungskapsel stieße mit diesem Weltraummeer zusammen! Die Arbeit von 20 Jahren wäre dahin!

Sagen Sie jetzt nicht, dass Sie sich das gleich gedacht haben. Und nun entschuldigen Sie mich bitte. Ich habe zu tun. Wir wollen’s doch rechtzeitig rüber schaffen, oder?

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Nachtrag: Die Gewinnerinnen des 1. TTSW stehen fest, die Namen der Autorinnen werden nun bekanntgegeben. Wer diesen Text geschrieben hat, steht links unter dem Artikel.

Silke Jäger am 11. Oktober 2010, 09:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Sa Okt 09, 2010

Nervenkitzel auf Französisch - ein Jugendkrimi von Gundula Schmidt-Graute

Weil auf dem Zeugnis eine "Vier" in Französisch steht, muss der zwölfjährige Jonas im Sommer zu einer Familie in die Provence. Die gleichaltrige Cécile hat nur Pferde im Kopf und ihr Vater ist streng. Als auf einem Ritterturnier ein wertvoller Hengst verschwindet, versuchen sich die Kinder als Detektive und verfolgen eine Spur bis in die mittelalterliche Festung hinein. Dort gerät Jonas in große Gefahr ...

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"Le duc disparu/Der verschwundene Herzog" ist ein spannender Sprachlernkrimi für junge Menschen von Texttreff-Mitglied Gundula Schmidt-Graute, die sich bis dato als Journalistin und Übersetzerin positioniert hat.

Bild-Alternativtext fehlt

Der Krimi ist ihr erstes Buch, und wir wünschen viel Erfolg dafür!

Gundula Schmidt-Graute: Le duc disparu/Der verschwundene Herzog
Langenscheidt-Verlag Berlin und München, 2010, 118 Seiten, 6,95 €,
ISBN 978-3468206573

Gudrun Sonnenberg am 09. Oktober 2010, 21:10 | 0 Trackbacks | Bücher

Kommentar-Gewinnerin Glosse #2

Die 2. Kommentar-Gewinnerin steht fest! Die Hörbuch-Überraschung hat gewonnen:
Manon García!

Unsere Glücksfee, Andrea Alvermann, hat per Zufallszahlengenerator Kommentar Nummer 3 ermittelt.

Neugierig? Wahrscheinlich sollte ich erzählen, um welches Hörbuch es sich handelt? Es heißt "Wo Engel Eulen küssen". Erika Falk hat den Text geschrieben, und es geht um Folgendes:

"Acht Tage verbringt die Autorin alleine in der Wüste, wo sie über ihr Leben in den Kulturen Europas und Afrikas und über die Liebe reflektiert. Eine poetische und tiefgreifende Rückschau, untermalt durch afrikanisch anmutende Klänge."

Gespendet wird es von Texttreff-Mitglied Petra Katharina Thölken, der Sprecherin und Produzentin des Hörbuchs. Vielen Dank dafür und viel Spaß beim Anhören!

Andrea Groh am 09. Oktober 2010, 16:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Glosse #3: Von Igeln und Idioten

Das ist der 3. Beitrag zum Texttreff-Glossenschreibwettbewerb. Die Glossen werden anonym eingestellt.

Beitrag zum Thema: Ich seh mich schon in 20 Jahren

Von Igeln und Idioten

„Blendend schaust du aus!“ Diese Worte höre ich immer wieder und immer wieder gerne. Kein Wunder, denn mein Alter – ich bin Mitte 60 – sieht man mir nicht an. Ganz im Gegenteil: Die meisten Menschen schätzen mich auf höchstens Mitte 20, den Igeln sei Dank!

Ja, Sie haben richtig gelesen: den Igeln. Kennen Sie etwa die individuellen Gesundheitsleistungen, abgekürzt Igel, nicht? Diese für Patienten kostenpflichtigen Untersuchungen führten die ärztlichen Interessenverbände in den 1990er-Jahren ein, weil die notorisch klammen gesetzlichen Krankenkassen nicht jede Behandlung bezahlten – ans genaue Datum erinnere ich mich nicht.

Zunächst handelte es sich nur um zusätzliche ärztliche Leistungen, doch die Bundesregierung nahm die Idee, die gesetzlich Versicherten stärker an den Gesundheitskosten zu beteiligen, unter dem Schlagwort „größere Eigenverantwortung für den Einzelnen“ gerne auf. Das war der Anfang vom Ende der Solidargemeinschaft in der Krankenversicherung.

Zuerst durften die gesetzlichen Kassen von den Versicherten Zusatzbeiträge erheben. Anschließend deckelte die Regierung den Beitragssatz, bis zu dem sich die Arbeitgeber an den Kosten für die Gesundheit ihrer Mitarbeiter beteiligten mussten. Dann wurden alle Versicherten gezwungen, das Geld für den Arztbesuch vorzustrecken, und schließlich bezahlten die Krankenkassen nur noch eine medizinische Grundversorgung, die weder zum Leben noch zum Sterben reichte. Apropos sterben: Natürlich sank die Lebenserwartung, nachdem jeder seinen Arzt zunächst selbst bezahlen musste. Viele gingen einfach nicht mehr zum Doktor, weil sie es sich nicht leisten konnten. Aber das war politisch gewollt. Wer sollte bei der niedrigen Geburtenrate denn auch die Masse an Rentnern durchfüttern? Doch ich schweife ab.

Jedenfalls begannen die Igel zu boomen. Wer es sich leisten konnte, nahm sie in Anspruch. Ob sinnvoll oder nicht: Es war eine Frage des Prestiges, Igel einzukaufen. Und als die Medizin eine Gentherapie entdeckte, die den Alterungsprozess nicht nur stoppte, sondern wie ein Jungbrunnen wirkte, war klar, dass diese Behandlung die ultimative Igel werden würde.

Ultimativ waren allerdings auch die Kosten. Anfangs konnten sich nur Schwerreiche die Therapie leisten. Eine der Ersten, die sich ihr unterzogen, war die zu diesem Zeitpunkt 70-jährige Madonna. Die Sängerin trat zwar nach wie vor in knappen Kostümen auf, doch fester Bestandteil ihrer Show war nun ein Baton, ein Stock, auf den sie sich in immer kürzeren Abständen stützte. Böse Zungen behaupteten, bald würde sie ihre Show „Rollerball“ nennen und mit Rollator die Bühne betreten. Nach der Gentherapie jedoch wirkte sogar „Toyboy“ Jesus Luz (42) im Vergleich zu ihr alt.

Auch bei den Babyboomern der 1960er-Jahre fand die Behandlung Anklang. Verständlich, denn diese – meine – Generation hatte stets Schwierigkeiten mit dem Älterwerden. Viele versuchten der Schwerkraft durch immer neue Operationen zu trotzen, trugen teure Kleidung, die an jungen Menschen sensationell ausgesehen hätte, und machten jeden neuen musikalischen Trend mit. Vermutlich war es auch der Jugendwahn meiner Generation, der vor zwei Jahrzehnten zum großen Erfolg von Vampirromanen führte. Bleichgesichtige, wunderschöne Kreaturen mit einem Hang zur Unsterblichkeit, kurz: Identifikationsfiguren.

Irgendwann konnte auch ich nicht widerstehen. Meine Bank, die zuvor meine Lebenserwartung mit Hilfe eines Genscanners ermittelt hatte, gewährte mir einen Kredit, damit ich mir die Therapie leisten konnte. Nun muss ich wenigstens noch 20 Jahre arbeiten, um ihn abzuzahlen. Leider hat der Well of lost years, wie sich die Behandlung auf Neudeutsch nennt, ein Manko: Nervenzellen regeneriert er nicht. Deshalb wird es demnächst viele sabbernde Idioten geben, die zwar unglaublich sexy sind, sich jedoch an nichts mehr erinnern können.

Verdammt! Kann mir vielleicht mal jemand sagen, wer jetzt wieder meine Schlüssel versteckt hat?

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Nachtrag: Die Gewinnerinnen des 1. TTSW stehen fest, die Namen der Autorinnen werden nun bekanntgegeben. Wer diesen Text geschrieben hat, steht links unter dem Artikel.

Simone Harland am 09. Oktober 2010, 10:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Fr Okt 08, 2010

Kommentar-Gewinnerin Glosse #1

Die 1. Kommentar-Gewinnerin steht fest! "Schweig still, mein Kind" von Petra Busch hat gewonnen:
Eva Maria Nielsen!

Unsere Glücksfee, Andrea Alvermann, hat per Zufallszahlengenerator Kommentar Nummer 2 ermittelt.

Die Gewinnerin darf sich auf eine spannende Lektüre freuen. Gespendet wird das Buch von der Autorin selbst – und Petra Busch hat in diesem Jahr mit ihrem ersten Krimi einen wahren Senkrechtstart hingelegt. Viel Spaß beim Lesen!

Andrea Groh am 08. Oktober 2010, 20:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Glosse #2: Alter schützt vor Späßen nicht oder: ganz reizend!

Das ist der 2. Beitrag zum Texttreff-Glossenschreibwettbewerb. Die Glossen werden anonym eingestellt.

Beitrag zum Thema: Ich seh mich schon in 20 Jahren

Alter schützt vor Späßen nicht
oder: ganz reizend!


Mit zwölf brach ich fast in Tränen aus, als ich einmal ausrechnete, wie alt ich im Jahr 2000 sein würde. Mitte dreißig! Uralt sozusagen. Inzwischen bin ich Mitte vierzig und muss herzhaft darüber lachen, was für eine Gans ich doch damals war. Angst vor dem Älterwerden? Ich doch nicht. In zwanzig Jahren habe ich die beste Zeit meines Lebens noch vor mir.

Eines steht fest: Ich werde eine flotte Alte sein mit individuellem Stil und frecher Frisur, mit feinen Lachfältchen, wachem Verstand und jungen Ideen. „Reizend“ wird das Adjektiv sein, mit dem mich jüngere Generationen beschreiben werden. Und genauso werde ich mich auch verhalten: ganz reizend …

Natürlich werde ich ein schier grenzenloses Verständnis an den Tag legen für die Unbeherrschtheit der Jugend, ihre Arroganz und ihre Besserwisserei. Wird es mir etwas ausmachen, dass sie meine Ratschläge (und mich) völlig ignorieren? Aber nein. ÜBERHAUPT nicht. Wieso auch? Im Gegenteil – ich werde sie bemitleiden, all die Unerfahrenen, Unwissenden und Unbelehrbaren.

Und dann werde ich dafür sorgen, dass sie mich sehr wohl wahrnehmen. Zum Beispiel als Konkurrentin um die besten Textaufträge. Meine Wahlkampagne für die Grauen Panther und ihre Kanzlerkandidatin Barbara Schöneberger wird nicht nur von Erfolg gekrönt, sondern auch mit Preisen überhäuft werden. Dabei ist der Slogan – „Wir sind die Mehrheit“ – sowas von naheliegend …

Zur Preisverleihung erscheine ich – im Gegensatz zu all dem nabelfreien jungen Gesindel – in einem T-Shirt, das die Aufschrift „Früher war alles besser“ trägt. Den Moderator werde ich permanent mit „junger Mann“ anreden, trotz seiner melierten Schläfen. Statt eine seriöse Dankesrede zu halten, werde ich dann Hildchen Knefs „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ zum Besten geben und damit zum YouTube-Star aufsteigen.

Doch das alles ist erst der Anfang des riesengroßen Spaßes, den ich als Seniorin zu erleben gedenke. Es wird so einfach sein, sich königlich zu amüsieren! Alles, was man dazu tun muss, ist, kurz vor Feierabend einkaufen zu gehen und den wütenden Blicke der gehetzten Berufstätigen mit einem leicht debilen Grinsen zu begegnen.

Schon auf dem Parkplatz werde ich verzweifelte Familienväter mit Rückbänken voller quengelnder Kinder in den Wahnsinn treiben, indem ich die einzigen beiden freien Lücken weit und breit blockiere. Natürlich parke schräg auf der Markierung. Und natürlich drohe ich dem armen Mann mit dem Stock, wenn er die Scheibe runterkurbelt und mich mit dem letzten Rest seiner Kraft höflich bittet, das Auto gerade zu stellen.

An der Supermarktkasse werde ich mich vor diejenigen Yuppies drängeln, die am meisten in Eile zu sein scheinen. Während ich dann umständlich nach Münzgeld suche und damit einen zünftigen Stau verursache, werden ihre Köpfe röter und röter. Wenn ihnen der Kragen platzt, ist meine versteckte Kamera zur Stelle – und Sekunden später das Ereignis zur Freude unzähliger Seniorenfollower vertwittert …

Danach bin ich so richtig in Fahrt. Da kommt mir der Telefonmarketingmensch gerade richtig, der das Pech hat, dass der Zufallsgenerator meine Nummer ausspuckt. „Sie wollen doch sicher mal im Lotto gewinnen?“, fragt er, woraufhin ich ihn sämtliche Details erläutern lasse. Ausführlich. Mehrfach. Und dann lege ich auf.

Was könnte einen dermaßen perfekten Tag noch krönen? Vielleicht ein tolles Menü im teuersten Restaurant der Stadt? Ich werde meine Freundinnen anrufen (gemeinsam sind wir älter als Goethe) und mich in Schale werfen. Wir werden schlemmen, bechern, lachen und es uns gut gehen lassen. Wenn es dann aber ums Bezahlen geht, werden wir unsere Demenznummer zum Besten geben und laut „Zu Hilfe, man will uns vergiften!“ schreien. Klappt immer wieder! Nur leider nicht mehrmals im gleichen Lokal.

Ach, was sind schon Wehwehchen, graue Haare und Falten gegen so viel ungetrübte Lebensfreude? Zukunft – ich komme …

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Nachtrag: Die Gewinnerinnen des 1. TTSW stehen fest, die Namen der Autorinnen werden nun bekanntgegeben. Wer diesen Text geschrieben hat, steht links unter dem Artikel.

Heike Abidi am 08. Oktober 2010, 10:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Do Okt 07, 2010

Glosse #1: Macht-Worte

Das ist der 1. Beitrag zum Texttreff-Glossenschreibwettbewerb. Die Glossen werden anonym eingestellt.

Beitrag zum Thema: Die schrägsten Vorlagen liefert die Politik

Macht-Worte

Stuttgart 21. Die Welt ist wieder in Ordnung. Jemand hat mit der Faust auf den Tisch gehauen und „Basta“ gerufen. Menschen dachten, sie hätten Rechte und wären frei und verhielten sich entsprechend. Aber so funktioniert das System nicht. Erinnern Sie sich an Ihre Kindheit. Wie oft wurde „Basta“ gesagt, wenn Sie zu oft „Warum“ fragten? Half das nicht, dann der Stubenarrest oder die schallende Ohrfeige. Es wurden Zeichen gesetzt und Grenzen aufgezeigt. Oder nehmen wir die Kindergartenzeit. Ein Mittagsschlaf wurde angeordnet und die Einhaltung mit allen Mitteln befolgt. Widerstand wurde mit Sanktionen gebrochen. Und weiter zur Schule. Wer den Lehrer, seinen Unterricht oder das Schulsystem kritisierte, wurde mit einer entsprechenden Notengebung ruhiggestellt. Bei der Arbeit kann sich ein Mitarbeiter seinem Chef auch nicht in den Weg stellen, weil der zum Beispiel den Umweltschutz missachtet oder die angeordneten Überstunden nicht bezahlt. Das hätte zur Folge, dass man diese vom Arbeitsamt erhält. Die Grenzen und Regeln werden vorgegeben. Wer sich fügt, fährt am besten. Das lernen wir in Deutschland von Kindesbeinen an. Umso erstaunlicher das Verhalten einiger weniger in Stuttgart. Das System wurde in Frage gestellt und deshalb musste durchgegriffen werden. Wo kommen wir hin, wenn Menschen auf die Straße gehen und demonstrieren? Zumal sich Teile der Bevölkerung dieses erlaubten, die ins Altersheim oder in die Schule gehören. Die Reaktion war notwendig, um das System zu erhalten. Die Politik verdeutlichte, was legitim ist und manifestierte die Grenzen. Jugendliche haben kein Recht zu demonstrieren, Eltern mit ihren Kindern sollten dies auch nicht tun, und da die Rentner zu rüstig schienen, hat man sie kurzerhand etwas seniler gemacht. Wer regt sich auf, wenn ein Rentner sein Augenlicht verliert? Schüler, die sich widersetzten, hatten verweichlichte Erziehungsberechtigte oder schlechte Lehrer, deshalb mussten sie mit dem gebündelten Wasserstrahl von den Bäumen geschossen werden. Dieser Vorgang war wichtig, verdeutlicht er, wie eine Strafe auszusehen hat. Mit der zunehmenden Jugendkriminalität im Rücken musste durchgegriffen werden. Vorbildlich wurde gezeigt, dass keiner nichts zu sagen hat.

Es herrscht wieder Zucht und Ordnung. Wenn die Politik etwas beschließt, wird es umgesetzt. Basta. Wenn dafür viel Geld notwendig ist, was nicht vorhanden ist, wird es trotzdem ausgegeben. Basta. Wenn jahrzehntealte Bäume gefällt werden, obwohl damit in einer Feinstaubschleuse der Filter fehlt, werden sie natürlich gefällt. Basta. Wenn ein Projekt einigen wenigen hohes Ansehen verleiht, wird alles dafür unternommen. Basta. Wenn sich Banken mit dem Geld der Bevölkerung verspekulieren und der Steuerzahler zahlen muss, ist es halt so. Basta. Dieses Kapital wird anschließend beim Steuerpflichtigen eingespart. Basta. Also warum diese Aufregung? Was wollten diese Menschen zu dieser Zeit in diesem Park? Ich nehme an, dass in Stuttgart und Umgebung die Erziehung nicht funktionierte, sonst wären die Personen ihren Tätigkeiten nachgegangen und diese Demonstration hätte nicht stattgefunden. Die verpasste Prügel der letzten Jahre wurde an einem Nachmittag nachgeholt. Das ist Gerechtigkeit.

In Stuttgart gab es nichts Neues. Seit der Geburt werden wir auf diese Erziehung und diesen Führungsstil vorbereitet, damit wir uns dem System anpassen. Diese Machtausübung, diese Machtworte waren notwendig und es wurde Zeit, es allen noch mal ins Gedächtnis zu rufen. Oder?

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Nachtrag: Die Gewinnerinnen des 1. TTSW stehen fest, die Namen der Autorinnen werden nun bekanntgegeben. Wer diesen Text geschrieben hat, steht links unter dem Artikel.

Manon Garcia am 07. Oktober 2010, 11:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Mi Okt 06, 2010

"Sind Sie noch Katze oder schon Hund?" – Texttreff-Mitglied Manon Garcías neues Sachbuch über Hochbegabung

In dieser Woche ist ein neues Buch von einer Texttreff-Frau erschienen, dessen Entstehung viele Texttreff-Mitglieder verfolgt oder auch begleitet haben. Manon García hat ein Buch über Hochbegabung geschrieben, genauer über Hochbegabung nach dem Testergebnis. "Sind Sie noch Katze oder schon Hund?" richtet sich an erwachsene Hochbegabte, aber auch an die Eltern hochbegabter Kinder sowie Verwandte und Menschen, die sich einfach für das Thema interessieren. Manon García bringt eigene Erfahrungen und die Ergebnisse ihrer Recherchen zum Thema ein, auf weiterführende Literatur wird verwiesen.

Bild-Alternativtext fehlt

Ein paar Worte der Autorin über ihr Buch:

"Am Beispiel, wie sich ein Hund fühlt, der unter Katzen aufwächst, erkläre ich, wie sich ein Hochbegabter fühlen kann, wenn er unter Normalbegabten aufwächst.
Mein Thema ist eines, das sich nicht jedem sofort erschließt. Nicht umsonst wird oft die Frage gestellt, was denn so Besonderes daran wäre, wenn man erfährt, dass man hochbegabt sei. Irrtümlicherweise wird davon ausgegangen, dass dieses Ergebnis nichts als Freude bringt.
Es ist aber etwas Besonderes – schon deshalb, weil sich viele Ungereimtheiten erklären. Der Mensch, der erfährt, dass er vielleicht anders ist, als er dachte, muss sich mit dieser Information arrangieren.
Aber vor allem möchten entdeckte Hochbegabte wissen, wie sie ihre Intelligenz einsetzen können – die bereits beiseitegelegten Träume leben wieder auf und könnten Wirklichkeit werden. Da lohnen sich Informationen, wie Leistungsexzellenz und Erfolge erreicht werden.

Mein Buch informiert den Leser über die Hochbegabung und zeigt, wie ein jeder sein Leben mit der Hochbegabung leben kann. Es nimmt den Leser an die Hand und begleitet ihn in der Zeit nach dem Testergebnis."

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Wir wünschen Dir viel Erfolg mit dem Buch, liebe Manon!

Angaben zum Buch:
Autorin: Manon García (www.manongarcia.de)
Titel: Sind Sie noch Katze oder schon Hund? Hochbegabung nach dem Testergebnis
ISBN: 978-3-8391-9967-1
Seiten: 200
Verlag: Books on Demand GmbH
Preis: 19,95 €

Blog: http://Blog.manongarcia.de

Andrea Groh am 06. Oktober 2010, 09:10 | 0 Trackbacks | Bücher

Mo Okt 04, 2010

Eine Glosse für den Texttreff: Der erste Texttreff-Schreibwettbewerb

In diesem Herbst veranstaltet der Texttreff seinen 1. Schreibwettbewerb (1. TTSW). Die Texttreff-Frauen sind aufgerufen, eine Glosse zu einem der folgenden Themen zu schreiben:

1. Das Leben einer Selbstständigen schreibt die besten Anekdoten
2. Die schrägsten Vorlagen liefert die Politik
3. Ich seh mich schon in 20 Jahren

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Einsendeschluss ist der 31. Oktober 2010.

***

Wir wollen:

- Texte, die eine Meinung wiedergeben und die Haltung ihrer Autorin widerspiegeln
- Texte, die nicht länger sind als 4.000 Zeichen
- Texte, die noch nicht veröffentlicht wurden

Und, um Texttreff-Mitglied Petra Plaum zu zitieren:

"Glossen sollen sein:

- kurz, aktuell, fachkundig, lustig, böse, ironisch, kunstvoll formuliert - am besten alles zusammen

- die künstlerisch wertvolle Schwester des Kommentars, die in Worte gefasste Antwort auf die Karikatur. Etwas, was die Zeitung veredelt

- für manche sind sie die schwierigste Form des Journalismus

- Humor ist Geschmackssache, Ironie mag nicht jeder - Glossen polarisieren

ABER: Keine Angst vor Glossen!

- Tageszeitungen, Blogs, Magazine und Fachzeitschriften drucken nicht nur feinziselierte Kunstwerke zur hohen Politik oder Wirtschaft, sondern sind offen für unterhaltsame Alltagsglossen"

***

Die Glossen werden anonym im TT-Blog veröffentlicht. Im November wird eine Jury die besten 15 Texte auswählen. Danach kann jede und jeder an der öffentlichen Abstimmung teilnehmen, um die drei Gewinner-Glossen zu finden.

Wir konnten für den 1. TTSW eine hochkarätige Jury gewinnen:

... Susanne Ackstaller, Texterin und Texttreff-Gründerin (Website)
... Annette Bopp, Journalistin und Autorin (Website)
... Momo Evers, Lektorin und Autorin (Website)
... Kerstin Hoffmann, PR-Beraterin und Texterin (Website)

Was gibt es zu gewinnen?

Die besten 15 Glossen werden in einem E-Book veröffentlicht. Außerdem gibt es schöne Preise, die wir demnächst in einem Extra-Artikel vorstellen.

Für alle: Bei jeder Glosse, die wir ins TT-Blog einstellen, verlosen wir unter den Kommentaren je ein Buch. Mitlesen und kommentieren lohnt sich also, und hier können alle kommentieren, dafür muss man nicht im Texttreff sein.

Immer auf dem neuesten Stand: http://www.texttreff.de/blog.php
TT-Blog bei Twitter: http://twitter.com/TT_Blog

Also: reinschauen, es wird spannend!

Andrea Groh am 04. Oktober 2010, 09:10 | 0 Trackbacks | Glossen

Fr Okt 01, 2010

Übersetzerin aus dem Texttreff auf der Weltempfänger-Liste

Die Übersetzerin Andrea Alvermann hat es im September 2010 auf die Bestenliste des Senders ARTE geschafft. Sie übersetzte zusammen mit Brigitte Große das Buch „Der Klang der Fremde“ von Kim Thùy aus dem Französischen. Erschienen ist das Buch im Verlag Antje Kunstmann, der für die Übersetzung eine kanadische Förderung erhalten hat.

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Einige Rezensionen hat Andrea hier zusammengetragen.

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Und das sagt Andrea zum Buch:

„Mir hat die Übersetzung des Buches sehr viel Spaß gemacht und auch der Stil der Autorin hat mir sehr gelegen. Sie schreibt sehr eindringlich und oft ist es fast pathetisch, aber wie gesagt, doch immer nur fast, kurz vorher kriegt sie jedes Mal die Kurve und würzt das Ganze mit einer erfrischenden Prise Humor. Insgesamt habe ich das Buch als ungeheuer hoffnungsvoll empfunden.“

Katrin Zinoun am 01. Oktober 2010, 11:10 | 0 Trackbacks |