Archiv: Juli 2012

Do Jul 26, 2012

Anders netzwerken beim Barcamp: Drei Mitglieder des Texttreffs im Gespräch

Die Texttreff-Mitglieder Angela Gaida und Julia Dombrowski gehören zu einem Organisatorenteam, das das erste Barcamp in Siegen (NRW) auf die Beine stellt.

Am 30. September 2012 findet die Ad-hoc-Un-Konferenz statt, die sich elementar von anderen Tagungsformen unterscheidet: Es gibt kein festgelegtes Programm, keine Experten, kein Publikum. Stattdessen gestalten die Teilnehmer die Inhalte am Tag der Veranstaltung selbst. Texttreff-Mitglied Birte Vogel ist selbst noch nie auf einem Barcamp gewesen, sieht ihrem ersten Camp aber mit Spannung entgegen. Die drei erzählen, was sie von einem Barcamp erhoffen, wieso Barcamps sie an ein virtuelles Netzwerk wie den Texttreff erinnern und was sie an der Idee so begeistert.


Textinen organisieren ein Barcamp und behaupten: Barcamps und ein virtuelles Netzwerk wie der Texttreff haben ziemlich viel gemein. Was steckt dahinter?

Angela: Für mich ganz wesentlich ist der Gedanke: Ich teile etwas mit anderen, ohne eine direkte Gegenleistung zu verlangen, im festen Wissen und mit dem Vertrauen darauf, dass ich auch wieder etwas zurückerhalten werde. Wann und was auch immer. Eigentlich ist das für mich die Grundlage des Netzwerkens schlechthin. Ich gebe etwas von dem, was ich weiß und kann, in eine Gruppe hinein. Und ich weiß, dass etwas, das ich brauchen kann oder das für mich wichtig ist, zurückkommen wird. Das ist im Texttreff so, wo sehr offen Know-how und Erfahrung ausgetauscht wird. Und das ist im Barcamp so, wo ja keiner am Morgen weiß, womit er am Abend heimgehen wird.

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Angela Gaida

Julia: Ganz oberflächlich betrachtet, sind die Strukturen eines Internetforums wie dem Texttreff und eines Treffens wie dem Barcamp sehr ähnlich: Heute weiß noch niemand, worüber man bis zum Abend diskutiert haben wird. Die Nutzer generieren den Inhalt – so läuft es üblicherweise im Social Web. Besucher von Konferenzen und Tagungen dagegen sind es gewohnt, dass ihnen ein Tagungsprogramm vorgesetzt wird – das Barcamp sagt: Woher sollen wir wissen, was auf dem Programm steht? Ihr selber tragt doch mit eurem Wissen, euren Erfahrungen und euren Fragen die Inhalte des Camps zusammen! Man stelle sich mal vor, in einem virtuellen Netzwerk mit Diskussionsforen würde es heißen: „Hallo, wir sind die Gründer. Jeden Tag werden wir euch Themen vorgeben, die ihr dann diskutieren dürft. Und manchmal könnt ihr von als Experten lesen, was wir zu Spezialthemen zu sagen haben, und wenn ihr lieb seid, lassen wir euch danach Fragen stellen“ – völlig absurd, da würde niemand mitmachen; ein Netzwerk wie der Texttreff wäre absolut undenkbar. Aber wenn man das Prinzip auf eine Veranstaltung überträgt – nur Mitmacher statt Publikum, offene Strukturen, jeder kann seine Themen einbringen –, sind Leute, die Barcamps noch nicht kennen, erst mal irritiert. Weil sie sich noch nicht vorstellen können, dass man verkrustete Tagungsstrukturen problemlos aufbrechen kann.

Ist es nicht ziemlich verrückt, eine Veranstaltung zu besuchen, bei der vorher noch niemand genau sagen kann, was inhaltlich passieren wird?

Birte: Allerdings! Aber es hat in anderen Städten sehr gut funktioniert, warum also nicht hier auch? Ich bin jedenfalls sehr gespannt darauf.

Angela: Verrückt? Nein. Ich habe schon so manche fest durchgeplante Veranstaltung besucht, mit vorher bekanntem Programm, und war anschließend enttäuscht. Das Risiko, beim Barcamp eine Enttäuschung zu erleben, ist verglichen damit eher gering. Hier habe ich viel mehr Einflussmöglichkeiten, kann mir meine Gesprächspartner aussuchen – und durch die Abstimmung über die Sessions am Anfang haben wichtigtuerische Heißluftgebläse kaum eine Chance, die anderen zu langweilen.
Ich wäre doch verrückt, das NICHT zu nutzen!

Julia: Ich glaube, das ist ähnlich verrückt, wie im Cluburlaub mal das Hotelgelände zu verlassen und den Abend ohne Animateur in einem einheimischen Restaurant zu verbringen. Für den einen mag das undenkbar sein – für den ist aber auch ein Barcamp nichts. Für den anderen ist es höchste Zeit, sich offen auf eine neue Erfahrung einzulassen.

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Julia Dombrowski

Warum eigentlich der Wunsch nach einem persönlichen Austausch bei einem Treffen? Austausch funktioniert doch erfahrungsgemäß auch virtuell?

Birte: Nein, das Internet, so toll es ist, kann meiner Erfahrung nach den persönlichen Austausch einfach nicht ersetzen. Es ist eine ganz andere Dynamik, wenn man wirklich zusammen in einem echten Raum sitzt, als wenn man auf einen Monitor starrt und dauernd nur kichernd, kopfschüttelnd und murmelnd vor sich hin tippt.

Angela: Er funktioniert virtuell ganz prima, keine Frage. Aber anders. Der virtuelle Austausch ist niedrigschwellig – eine Kontaktanfrage bei Xing geht schnell, jemanden bei Facebook oder Twitter ansprechen ist einfach. Die Kontakte werden aber um ein Vielfaches intensiver, wenn man sich mal tatsächlich gesehen, gehört, beschnuppert hat. Das ist die Erfahrung, die ich immer wieder mache. Und mit den Leuten, die ich mal persönlich kennengelernt habe, funktioniert anschließend der virtuelle Austausch erst so richtig gut.

Julia: Nebenbei: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die virtuell gut vernetzt sind, sehr oft auch offline gut vernetzt sind. Gute Netzwerker trennen nicht zwischen online und offline, die sehen einander so gerne ins Angesicht wie sie miteinander chatten oder skypen. Der Mythos vom bösen Internet, das reale Kontakte zerstört und auf Facebook-Bekanntschaften reduziert, ist meines Erachtens längst widerlegt. Ein virtueller Austausch kann persönlichen Austausch nicht ersetzen – und ich kenne niemanden, der das überhaupt will.

Wieso reist du für ein Barcamp extra aus Hannovers Umland bis nach Siegen, Birte?

Birte: Weil Julia mich eingeladen hat. Wer kann dem schon widerstehen? :-) Außerdem habe ich ja noch nie an einem Barcamp teilgenommen und freue mich, das auf diese Weise kennenzulernen. Nicht zuletzt bin ich in Siegen aufgewachsen und freue mich darauf, mich in meiner alten Heimat mit anderen austauschen zu können.

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Birte Vogel

Was bewegt eine Self-Publisherin, anderen vorzuschlagen: „Ich teile bei Interesse gerne meine mühsam erarbeiteten Erfahrungen von der Idee bis zum fertigen Buch mit euch!“?

Birte: Der Eigenverlag hat heute immer noch, vor allem leider bei BuchhändlerInnen, einen schlechten Ruf. Dabei interessiert es LeserInnen kaum, wer ein Buch herausgebracht hat. Für sie ist die Hauptsache, dass es da ist und dass es interessant, spannend, gut geschrieben und gut gemacht ist. Dennoch trauen sich viele AutorInnen diesen Schritt zum Eigenverlag nicht zu und bewerben sich stattdessen viele traurige Jahre oder Jahrzehnte lang um einen Verlagsvertrag.
Der Eigenverlag ist auch, das gebe ich zu, irrsinnig viel Arbeit, häufig frustrierend und finanziell ein Balanceakt. Aber man kann es schaffen.
Und ich habe hier im Texttreff in den letzten Jahren tagtäglich lernen dürfen, wie unglaublich hilfreich es ist, wenn andere ihre Erfahrungen so freigiebig teilen – es bewahrt einen nicht immer vor Fehlern, aber es gibt einem Unterstützung an Stellen, an denen man sie ohne ein solches Netzwerk, ohne die freigiebige Hilfe anderer, nicht bekäme. Und das würde ich jetzt in Siegen – Interesse vorausgesetzt – gerne weitergeben.

Soll bei einem Barcamp wirklich jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin eine eigene Session vorschlagen? Soll ich lieber nicht kommen, wenn mir kein eigener Vorschlag einfällt?

Angela: Rein organisatorisch ist es gar nicht möglich, dass jede und jeder eine Session hält. So viel Zeit haben wir ja nicht. Von daher: bleib bloß nicht daheim, nur weil Du keine Session halten möchtest! Es gibt so viele andere Möglichkeiten, sich aktiv zu beteiligen! Mitdiskutieren, Meinungen austauschen, Erfahrungen mitteilen: auch das ist Barcamp. Und selbst, wenn Du den ganzen Tag den Mund nicht aufbekommst – was ausgesprochen unwahrscheinlich ist, versprochen – dann kannst Du immer noch beim Stühletragen helfen. Darum: Zuhausebleiben gilt nicht. Egal aus welchem Grund ;-)

Julia: Auch hier ziehe ich gerne wieder den Vergleich mit einem virtuellen Netzwerk wie dem Texttreff: Klar kann man die Forumsbeiträge immer als stummer Zuschauer mitlesen, ohne je selber in Erscheinung zu treten – wahrscheinlich stört man auf diese Weise auch niemanden besonders. Aber was hat man davon? Netzwerken ist kein Schauspiel, Erfahrungsaustausch klappt nicht passiv. Andersherum könnten im Extremfall ein paar Hundert Texttreff-Mitglieder täglich Themen eröffnen – das wäre der Overkill. Aber die Mischung macht’s: Einige bringen Fragen und Anregungen mit, die anderen diskutieren und beantworten, was sie zum Thema beitragen können. Ja, die offiziellen Barcamp-Regeln sagen: Wenn du zum ersten Mal teilnimmst, musst du eine Session halten. In der Realität läuft keiner hinter dir her und kontrolliert das – die Vorgabe war ursprünglich mal als Ermutigung gedacht, ohne Scheu und Schwellenängste zu kommen und Themen mitzubringen, die dich bewegen. Und um klar herauszustellen: Lass dich nicht berieseln, bring dich ein – wie auch immer.

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Was würdet ihr jemandem antworten, der mit der Erwartung anreist: Am Ende eines Barcamp-Tages will ich neue Kunden oder mindestens neue Kooperationspartner gefunden haben!

Birte: Da ich noch nie bei einem Barcamp war, kann ich dazu wenig sagen, außer, dass ich glaube, dass es darum nicht unbedingt geht. Oder, Julia?

Julia: Exakt, Birte! Das ist beim Barcamp wie auch sonst überall: Wer Kontakte nur deshalb knüpft, weil er konkrete Ziele umsetzen will, blockiert sich selbst – und wirkt auf andere Menschen verkrampft. Das ist das Gegenteil von Netzwerken – das ist nervtötend.

Angela: Ich würde ihm sagen: Viel Erfolg! :-)
Prinzipiell finde ich überhaupt nichts daran auszusetzen, wenn man als Selbstständiger die Augen und Ohren offen hat für neue Kunden oder Partner, egal wo man hingeht. Das mache ich nicht anders. Die Frage ist für mich vielmehr: Wie genau mache ich das? Drücke ich meinem Gesprächspartner mein Verkaufsprospekt in die Hand, noch bevor er seinen Namen sagen kann? Quatsche ich jeden mit meinem tollen Angebot tot? Ist jeder meiner Redebeiträge eine Werbesendung? Dann werde ich mein Ziel – neue Kunden oder Partner – mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht erreichen, sondern nur einen Haufen genervter Zeitgenossen produzieren, die mir zukünftig aus dem Weg gehen.

… wo genau liegt Siegen doch gleich?

Birte: Im Mittelpunkt Deutschlands!! :-) Und umgeben von einer der zauberhaftesten Landschaften! Es ist auf jeden Fall eine Reise wert – selbst wenn man nicht von Julia persönlich eingeladen wurde. :-)

Angela: Im Siegerland, an der A45, östlich von Köln, da, wo man den Sommer am warmen Regen erkennt und wo in den letzten Monaten die wundervollsten Projekte entstehen. :-)

Julia: Ich kann keine Wege erklären, und einen Orientierungssinn habe ich auch nicht. Aber wenn man auf dem Weg von Frankfurt nach Köln irgendwann rechtzeitig abbiegt, dann kommt man schon an!

Alles Wissenswerte zu Barcamps im Allgemeinen und zum Siegener Barcamp am 30. September 2012 im Besonderen findet sich hier: barcamp-siegen.de

Andrea Groh am 26. Juli 2012, 23:07 | 0 Trackbacks | Veranstaltungen

Di Jul 17, 2012

Die Rechtsmedizinerin und der Totenvogel: "Die Gesichtslosen" von Stephanie Fey

Texttreff-Mitglied Stephanie Fey, 1967 geboren, fing als Illustratorin an, bevor sie Schriftstellerin wurde, sie ist verheiratet und hat drei Kinder. Mit ihrem Thrillerdebüt "Die Gesichtslosen" erhielt sie 2012 als erste Autorin den Entdeckt! Amazon-Autorenpreis.

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Die Idee zu der Rechtsmedizinserie entstand aus ihrer Leidenschaft für den Kriminalroman. Sie fragte sich, warum es eigentlich noch keine deutsche Rechtsmedizinerin als Heldin gibt, und begann zu recherchieren. Dabei lernte sie eine Gesichtsrekonstrukteurin kennen, mit der sie seither an den Fällen (Teil 2 "Die Verstummten" erscheint im Februar 2013), die die Heldin im Buch zu lösen hat, zusammenarbeitet.

Im Thriller geht es nicht nur um Gesichtslose im wörtlichen Sinn, sondern auch um die bis heute "gesichtslos" gebliebene dritte Generation der RAF. Stephanie Fey, die auch als Rebecca Abe historische Romane schreibt, liebt es, Zeitgeschichte in ihren Romanen zu verarbeiten. So zeigt das Cover von "Die Gesichtslosen" eine Elster, weil die Heldin, Carina Kyreleis, von ihren Kollegen "die Elster" genannt wird – der Totenvogel, der die Seelen ins Jenseits begleitet.

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"Mit den Augen der Toten: Wenn Tote nicht mehr zu erkennen sind, wenn ihr Mörder sie entstellt hat oder nur noch Skelettteile übrig sind, wird Carina Kyreleis gerufen. Die junge Rechtsmedizinerin versteht es wie kaum eine Zweite, den Toten Glanz einzuhauchen und ihnen ihre Gesichter zurückzugeben.

Nachdem sie zwei Jahre als Knochen- und Mumienexpertin in Mexiko-Stadt gearbeitet hat, kehrt sie nach Deutschland zurück, um am Münchner Institut für Rechtsmedizin einen Neuanfang zu wagen. Kaum angekommen, steht sie vor ihrem ersten Fall. Ein Killer, der seinen Opfern die Gesichtshaut abzieht, um für immer ihr Antlitz zu bewahren."

Stephanie Fey verlost im TT-Blog zwei signierte Exemplare von "Die Gesichtslosen" – bitte einfach unter diesem Artikel kommentieren. Die zwei Gewinner werden in einer Woche ausgelost, am Dienstag, den 24. Juli 2012.

www.stephanie-fey.de

Stephanie Fey: Die Gesichtslosen
Heyne Verlag
368 Seiten
ISBN: 978-3-453-43586-5
8,99 Euro

Andrea Groh am 17. Juli 2012, 16:07 | 0 Trackbacks | Bücher