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Glosse #15: Meine Visitenkarte brauchte Auslauf

Das ist der 15. Beitrag zum Texttreff-Glossenschreibwettbewerb. Die Glossen werden anonym eingestellt.

Beitrag zum Thema: Das Leben einer Selbstständigen schreibt die besten Anekdoten

Meine Visitenkarte brauchte Auslauf

Sie finden Visitenkartenpartys schrecklich? Eine lästige Zusammenkunft von Selbstdarstellern, reine Zeitverschwendung, für den Gewinn neuer Kunden ungeeignet? Ich nicht. Manchmal überkommt es mich – dann werfe ich mich in mein lässigstes Business-Outfit und fake Akquiselust.

Der wahre Grund ist: Ich betreibe Feldstudien. Denn zumindest weiß man hinterher, welche potenziellen Zielgruppen man zukünftig weiträumig umfahren muss. Im besten Fall liefern sie Stoff für eine Glosse.

Neulich hatte man mich offenbar aus irgendeinem Karteileichenfriedhof exhumiert, sodass ich eine Einladung zum „Regionalen Unternehmertreffen“ bekam. Ich ging hin. Und alle waren sie da, die Unvermeidlichen:

Noch während meiner ersten Runde zum Sichten der Lage sprach mich die Kosmetikberaterin an. Die selbst ernannte Stilexpertin ist auf allen Visitenkartenpartys zu finden – wenig verwunderlich, denn betrachtet man die anwesende Menge unvorteilhaft gekleideter Männer und suboptimal geschminkter Frauen, muss da enormes Potenzial abzuschöpfen sein.

So plump, mich auf meine Makel anzusprechen, ist sie jedoch nicht. Es reicht völlig, dass sie mir ihre Visitenkarte zusteckt. Und dann ihr Blick! Sie entdeckt dilettantisch überschminkte Lachfalten, schlecht getünchte Schlupflider und brutal gerupfte Damenbarthaare – schonungslos. Getoppt wird ihr prüfendes Mustern nur von jenem der unabwendbaren Endfünfzigerin in der Damenwäscheabteilung eines beliebigen Kaufhauses, die auf 20 Meter Entfernung in der Lage ist, Körbchengröße und Brustumfang exakt zu ermitteln. Nacktscanner sind ein Dreck dagegen! Liebe Datenschützer, in Deutschlands Kaufhäusern gibt es die längst! Doch zurück zu meiner Kosmetikdame. Sie wollte mich in ein Gespräch verwickeln, aber ihr atemberaubender Mundgeruch trieb mich an die Proseccotheke.

Mit dem Glas in der Hand lauschte ich der Vorstellungsrunde der Organisatoren, allesamt Größen des lokalen Mittelstands, die tapfer ihre auswendig gelernten Elevator Statements aufsagten. Leider vergaßen gefühlt zwei Drittel davon, im Rausch ihrer sorgfältig ziselierten Sätze mitzuteilen, was sie denn nun anbieten, im Aufzug.

Ich flog eine Schleife übers Büffet und stellte mich mit vollem Teller und ebensolchen Backen an einen dieser typischen Plastikstehtische, dem jemand mittels eines cremefarbenen Stoffüberwurfs vergeblich versucht hatte, das Billigplastikimage zu nehmen. Der behusste Tisch war von einer weiteren repräsentativen Besucherspezies bevölkert: den Versicherungsvertretern, Verzeihung: Financial Solutions Consultants. Einer von ihnen wollte unvorsichtigerweise wissen, was mein Business sei, und begann erwartungsgemäß bei der Antwort „Ich bin Texterin“ nervös mit den Hufen zu scharren. „Brotlose Kunst, schnell weg hier“ erschien in phosphoreszierenden Lettern auf seiner sich langsam mit Schweißtropfen füllenden Stirn, und da ich einen meiner milde gestimmten Abende hatte, erlöste ich ihn schnell und ging zum Nachtisch ans Büffet.

Dort geriet ich leider in die Fänge eines dieser unangenehmen Exemplare, die mich immer an Brechts Radiotheorie erinnern: ein Sender ohne Aus-Knopf. Nach eigenen Angaben sprach Herr Radio X Fremdsprachen, X minus eine davon verhandlungssicher (welche die eine wohl war? Rätoromanisch?) und wollte mir seine revolutionäre Sprachlernmethode nahebringen. Die bestand darin, ein Wochenende mit ihm intensiv zu verbringen. Eine plötzliche Übelkeit vortäuschend (was mir leicht fiel), stürzte ich davon.

Und fand mich direkt vor dem Alleinunterhalter wieder, der gerade pausierte. Irgendwie hatte ich die ganze Zeit schon das Gefühl gehabt, er habe mich beobachtet. Ich wollte gleich weiterziehen (Flirten mit dem Pianomann ist allenfalls etwas für völlig Verzweifelte), doch er hatte mich schon bemerkt. So versuchte ich höflichkeitshalber etwas Konversation und fragte ihn, warum er auf solchen Unternehmertreffen spiele. Er zwinkerte mir zu und sagte: „Feldstudien“.

--

Nachtrag: Die Gewinnerinnen des 1. TTSW stehen fest, die Namen der Autorinnen werden nun bekanntgegeben. Wer diesen Text geschrieben hat, steht links unter dem Artikel.

# | Annette Lindstädt am 25.10.10 | Druck |  »Glossen

Kommentare



Vielleicht sollte ich mich doch mal überwinden und so eine Visitenkartenparty besuchen. Bin schon so gut wie überzeugt. Feldstudien sind immer fein. Und ich müsste noch unzählige Visitenkarten vorrätig haben, die alle mal unters Volk wollen ...

# | Heike Abidi am 25. Oktober 2010, 19:25

Sehr schönes Ende!

# | Katrin Zinoun am 25. Oktober 2010, 19:28

Oh ja, das kenne ich! "Feldstudien" sind inzwischen auch meine Ausrede für solche Events ;-). Neben den Versicherungs-Heinis ist ja vor allem eine Gruppe immer überrepräsentiert: die Beraterzunft! Die stehen sich da teilweise gegenseitig auf den Füßen. Jeder will Kunden gewinnen, keiner will Aufträge vergeben. Jaja.

# | Heide Liebmann am 25. Oktober 2010, 19:37

Klasse Glosse! :-) Fein beobachtet und schön geschrieben.

Oh ja, Sozialstudien sind was Feines, ich hätte auch gern "man watcher" werden wollen, so beruflich. Aber wenn man sich dann mal selbst vorstellt, beobachtet zu werden ... ;-)

Ey, noch ein Bier für den Mann am Klavier!

# | Tina Skulima am 25. Oktober 2010, 20:05

Ich krame schon mal meine Visitenkarten zusammen für die nächste Feldstudie ;-) Nein, mal in ernst, ich bin froh, dass ich von solchen Veranstaltungen verschont bin.

# | Annora am 25. Oktober 2010, 20:10

Wunderbar! "behusst"! "Schleifenfliegen" ... ach, da steckt so viel Witz drin. Und diese V-parties müssen ja echt ätzend sein. Was bin ich froh, dass ich da nicht hin muss.

# | Nessa Altura am 25. Oktober 2010, 20:15

Jajajaja! Genau so. Einschließlich Mundgeruch... Klasse Text.

Damals bei meiner ersten und bisher letzten Visitenkartenparty wollte ich eigentlich anschließend auch eine Glosse schreiben.
Meine war allerdings (gefühlt)noch schlimmer. Die zwei Drittel, die nicht zu Potte kommen mit ihrer "Leistung" - das sind die, die vor allem darüber reden, wie sie den absolut richtigen Weg zum Erfolg gefunden haben - MLM-Fuzzis kriechen zu Visitenkartenparties aus allen Löchern und wollen die anderen netterweise an ihrem Erfolg teilhaben lassen.
Brrrr.. ich muss mich heute noch schütteln, wenn ich daran denke.
DANKE für diesen Text, den ich leider nie geschrieben habe

# | Tanja Schürmann am 25. Oktober 2010, 20:25

Gnadenlos! Danke, das brachte mich zum Grinsen. Ich sollte mich auch mal in eine Feldstudie stürzen.

# | Claudia Troßmann am 25. Oktober 2010, 20:38

Das ist zu schön um wahr zu sein: Die original quietschgelbe Papierausgabe der legendären Koßmann wird hier einfach so verlost?! Von der Autorin persönlich? Ist Ihnen allen klar, welchen Seltenheitswert dieses Buch ... achso, Sie kommentieren ja live im Jahr 2010 - Verzeihung.

[beiseite: Ich MUSS dieses Buch haben]

Filmreife Beschreibung des Unternehmertreffens! Visitenkarten haben wir hier in 2031 durch den K2 ersetzt, den Kommunikator-Kuss. (Man berührt das Mobile Kommunikationsgerät des Gesprächspartners mit dem eigenen, die regeln das dann unter sich.) Der Fantasie bleibt überlassen, ob die Feldforscherin mit dem Pianomann ihres Weges zieht. ;)

# | Leo Altgruftipunk am 25. Oktober 2010, 23:11

Oh und ah! Ein Mamataxi braucht ein Männertaxi, klar - oder? ;-)

# | Susanne Ackstaller am 25. Oktober 2010, 23:13

"Behusste Tische" wird hiermit6 in meinen Wortschatz aufgenommen. Und ich überlege ernsthaft, eine gewisse berüchtigte Hamburger Visitenkartenparty-Veranstalterin wieder von meiner Ignore-Liste zu streichen, um auch mal einen so psnannenden Abend zu erleben.

# | Britta Janzen am 25. Oktober 2010, 23:35

*G
Feldstudien sind spannend.

# | Janine Obermöller-Gras am 26. Oktober 2010, 00:03

Spannende Geschichte. Jetzt weiß ich auch wieder, warum ich mich vor aolchen Veranstaltungen immer drücke. ;-)

# | Anika Abel am 26. Oktober 2010, 06:21

Ja, Feldstudien sind suuuper. Diese Glosse ist es auch. Und ich sollte doch mal wieder zu so einem Selbstdarstellermeeting gehen, obwohl: auf Elternabenden (auf die ich zurzeit ständig muss, nicht will) lassen sich auch prima Feldstudien betreiben.

# | Petra Plaum am 26. Oktober 2010, 07:56

@Leo: K2 heißt zum Beispiel "bump" beim iPhone oder Poken ... ;-)

# | Tina Skulima am 26. Oktober 2010, 09:15

Ja, so Visitenkarten-Partys kenne ich auch .... Aber Feldstudien ist ein treffender Begriff....

Am furchtbarsten fand ich immer diese selbsternannten Kommunikations-Trainer oder "Coache", die einem erzählen wollten, wie man sich am besten nach außen darstellt und man sich nach eingehender Feldstudie fragte, ob irgendjemand ihm schon mal gesagt hat, wie er eigentlich wirklich beim Gegenüber ankommt.

Nett sind dann auch immer die Nachfolge-Seminare, die gemacht werden, aber nie stattfinden, weil sich nicht genug Menschen anmelden.

# | Margit Schröder am 26. Oktober 2010, 10:08

"... Endfünfzigerin in der Damenwäscheabteilung eines beliebigen Kaufhauses, die auf 20 Meter Entfernung in der Lage ist, Körbchengröße und Brustumfang exakt zu ermitteln."

:-) Eine aussterbende Rasse, btw., ersetzt durch schimmerlose junge Mädchen. Würden sonst, laut Statistik, 35 % aller Frauen zu kleine BHs tragen?

# | Edith Nebel am 26. Oktober 2010, 10:09

Ich dachte, es seien sogar 70 Prozent - die Mehrheit der Frauen trägt die falsche BH-Größe. Weil Fachgeschäfte aussterben. Besuch im Wäschegeschäft,das wär auch mal ein Glossenthema ...

# | Heike Abidi am 26. Oktober 2010, 10:12

"Behusst" ist gut - aber nix gegen meinen diesbezüglichen Favoriten "kurzbehost".
Auch wenn ich derlei Meetings nicht aus eigenem Erleben kenne - nach dem Lesen der Glosse hat man den Eindruck, sich das auch sparen zu können. Klingt alles äußerst treffend!

# | Susanne Nötscher am 26. Oktober 2010, 10:40

Ich hatte noch nie die Gelegenheit an solch einem Event teilzunehmen, aber die Art und Weise aus solch einer Situation eine Sozialstudie zu machen leuchtet mir ein... ich ertappe mich auch schon mal dabei, wie ich anderer Leute Ohrläppchen vergleiche.

# | Kerstin M. am 26. Oktober 2010, 11:06

KLingt nicht so, als müsste ich mir solch eine Veranstaltung selbst antun... außer natürlich zu Studienzwecken, auch wenn es sicherlich spannenderes zu studieren gäbe...

# | Birte Mirbach am 26. Oktober 2010, 15:38

@Tina Verdammt, jetzt ist es passiert: Mein zeitlich rückdatierter Kommentar hat die Vergengenheit verändert! :(

# | Leo Altgruftipunk am 26. Oktober 2010, 16:23

Herrlich, ich wollte gar nicht, dass das aufhört, hätte gerne noch mehr über weitere verheißungsvolle Begegnungen gelesen!! Danke!

# | Antje Ritter am 26. Oktober 2010, 17:53

hihihi, seeeehr fein beobachtet :) hab lange nicht mehr so gegrinst und bleibe nun erst recht dabei: merke, eine visitenkarte ist ein kostbares gut, schmeiß es bedachtsam unters volk!

# | Regina Neumann am 26. Oktober 2010, 19:05

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