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Glosse #16: Der Herbst ist männlich. Dieser zumindest.

Das ist der 16. Beitrag zum Texttreff-Glossenschreibwettbewerb. Die Glossen werden anonym eingestellt.

Beitrag zum Thema: Das Leben einer Selbstständigen schreibt die besten Anekdoten

Der Herbst ist männlich. Dieser zumindest.

Das Telefon klingelte, Lieblingskunde. „Hast du Lust auf ein Männerthema?“ „Klar Baby, schick rüber.“ So fing alles an. Meine männliche Seite sollte sich im Thema so richtig austoben. Rotzig, markant, arrogant. Ein bisschen derbe. Erste Vorbereitung: Männerfrühstück. Überbackene Schinkenbrote, schwarzer Kaffee. Schmeckte zum Kotzen, aber was tut man nicht alles für seine Kunden.

Nach zig Interviews mit testosterongespiegelten Machos und bewaffnet mit einer Sammlung Nacktfotos fing ich an zu schreiben. Ich war anfangs noch vorsichtig, formulierte möglichst neutral. Gefühle? Alle rausgestrichen. Hier ging es um Fakten, nackte Fakten. Zwischendurch aß ich Brote und kippte schwarzen Kaffee. Wer schwarzen Kaffee schafft, ist ein Held. Und ich brauchte Helden in meinem Text. Mit der Zeit wurde ich mutiger. Ich fluchte lauter und aß noch mehr Wurstbrote. Bald war ich voll im Thema und hatte meine männliche Seite komplett rausgekehrt. Telefon. Anderer Lieblingskunde. „Hast du Lust auf ein Männerthema?“ Déjà-vu? Völlig überarbeitet? „Klar Baby, schick rüber.“ Noch mehr Fakten, harte Fakten. Arrogante Schreibe gewünscht. Ob ich das aushalte? Ich harmoniesüchtiges Weibchen, Mutter von zwei Prinzessinnen, Vorsitzende der Pinken Fraktion? Aber klar doch, das schaffe ich! Schließlich bin ich ein Profi und kann meine Arbeit mit der nötigen Distanz erledigen! Oder etwa nicht? Das Problem ist – und das ist ein sehr weibliches Problem –, ich tauche so sehr in meine Texte ein, dass ich mit ihnen verschmelze. Befruchtung quasi. Meine Texte sind immer auch ich. Gut, dass für eine Befruchtung ein männlicher Part dazugehört. Den trage ich in mir.

Natürlich halte ich das aus, denn dieser Herbst ist männlich. Ich weine nur im stillen Kämmerchen, fluche dreckig und esse wie ein Schwein. Ich benehme mich wie ein Mann, den ich nicht kennen möchte. Neulich habe ich mich fast mit meinem Liebsten geschlagen, leichte Auseinandersetzung. Er konnte nicht zuhören, ich auch nicht.

Nach diesem Streit habe ich mir einen freien Tag genommen, meine männliche, arrogante Seite ist ein Sensibelchen. Ich bin zum Bäcker geschlichen und habe heimlich ein Croissant gegessen. Dazu einen Milchkaffee getrunken. Mit Schaum. Sowas von Wonne! Schnell ein Gedicht geschrieben mit Gefühlen und Liebe und so. Was für ein Tag!

Am nächsten Morgen wieder schwarzen Kaffee und überbackene Brote. Ich bin stark, ich lass mir nichts anmerken. Ich bin ein Profi.

Und wenn mir einer dumm kommt, kriegt er auf die Fresse. Dann aber mit den Waffen einer Frau.

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Nachtrag: Die Gewinnerinnen des 1. TTSW stehen fest, die Namen der Autorinnen werden nun bekanntgegeben. Wer diesen Text geschrieben hat, steht links unter dem Artikel.

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# | Ruth Frobeen am 26.10.10 | Druck |  »Glossen

Kommentare



Ha, du bist nicht nur ein Twitter, sondern auch ein zwitter...Humorvolle Glosse! Danke!

# | Eva Maria Nielsen am 26. Oktober 2010, 20:40

Herrlich, habe sehr gelacht über deine männliche Seite und bin schon gespannt auf die Auflösung!

# | Heide Liebmann am 26. Oktober 2010, 21:02

Sauber, Alter! Voll auf die Zwölf.

Und ich bin mal wieder ahnungslos, wer nu was geschrieben haben könnte, aber ich bin total gespannt.

Method acting beim Schreiben, das ist mal ne Idee! Mal sehen: Ich hab grad was zu Gebäudereinigung auf dem Tisch (nee, putzen vor der Arbeti muss nicht sein), aber da sind ja auch noch die ausstehenden Fußball-Headlines! Mist, keinen Schinken im Haus. Und geht Carokaffee wohl auch?

# | Tina Skulima am 26. Oktober 2010, 21:37

Echte Männer schreiben keine Texte. Die schweigen lieber. Ich muss jetzt gleich noch Petrochemietexte schreiben und hätte gerne ein paar Ölmilliarden, um mich aufs Thema einzustimmen.

# | Julia Ritter am 26. Oktober 2010, 21:42

Hahaha, ich hab sehr gelacht! Prima Glosse, super trocken geschrieben. Und ich würde viel Geld drauf verwetten, dass ich weiß, wer das geschrieben hat.... :-)

(Ich will bitte nicht gewinnen, habe schon einen Roman abgestaubt!)

# | Britta Janzen am 26. Oktober 2010, 23:53

Sehr schön! Aber was bin ich froh, dass ich mit diesen ganzen Gesundheitsthemen (Euphemismus: eigentlich geht's doch um Krankheiten!) nix zu tun hab. Die Einstimmung erspar ich mir gern.

# | Annette Lindstädt am 27. Oktober 2010, 06:46

Wurstbrote und Fluchen - mach ich auch, wenn mal wieder ein Kunde sagt, er brauche "aggressive Texte" :-)

# | Heike Abidi am 27. Oktober 2010, 08:26

Ich habe gelacht, eine echt tolle Glosse. :-)

# | Sabine Schönberg am 27. Oktober 2010, 09:28

Klasse. Besonders: Er konnte nicht zuhören. Ich auch nicht.
Das sitzt.

Vielen Dank für diesen Morgenspaß!

# | Nessa Altura am 27. Oktober 2010, 09:44

Ich seh schon, ich bin der einzige Mann hier. Darum erkenne ich wohl auch nichts von mir in der "Glosse". Was da beschrieben wird, das ist eher der Proll. "Der Mann" als Phänotyp liegt aber irgendwo zwischen Schalke und Ballettröckchen. Eine Glosse muss doch nicht von Vorurteilen oder Vorbehalten leben.
Mein unmaßgebliches Urteil: Nicht lustig.

# | Herbert , Ederr am 27. Oktober 2010, 11:08

Noch eine Männerstimme, und ein Kommentar zu Herbert: Ja, da wird eher der Proll beschrieben. Ich habe aber den EIndruck, dass dieses Exemplar auch in den Textaufträgen vorkommt. Möchte gar nicht wissen, was das für Aufträge sind! Mir hat die Glosse Spaß gemacht.

# | Frank am 27. Oktober 2010, 12:13

Herrlich auf die Spitze getrieben! Aber manchmal reichen Wurstbrote und schwarzer Kaffee nicht aus, zum Kohlenschleppen ist mir ein echter Mann doch lieber...

# | Birte Mirbach am 27. Oktober 2010, 12:54

Seeeeer schön!!! Die Glosse.
Aber auch Tinas Kommentar - Method acting - auf den Begriff wäre ich nicht gekommen. Aber die Glosse macht schöne klare Bilder. Man sieht richtig, wie sich die Schreiberin männlich bewegt. Hätte sie ein Bier zum Schreiben, würde sie sicher kräftig rülpsen nach jedem Absatz.

# | Tanja Finke-Schürmann am 27. Oktober 2010, 15:33

Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Männer aus den Aufträgen auch alle Rotlicht im Kopf haben! :o)

# | Ruth Frobeen am 27. Oktober 2010, 17:40

Seeehr schön - das Überhöhen des Überhöhens des Männlichkeitsklischees...

# | Jutta Scherer am 07. November 2010, 14:34

so herzlich geschmunzelt und so weiblich ;o)
Grüßle

# | Susanne Reppin am 30. November 2010, 11:07

Braco!...Gut gemacht :)))

# | Catherine bazabas am 03. Dezember 2010, 13:10

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