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Glosse #21: Ich und die anderen

Das ist der 21. Beitrag zum Texttreff-Glossenschreibwettbewerb. Die Glossen werden anonym eingestellt.

Beitrag zum Thema: Das Leben einer Selbstständigen schreibt die besten Anekdoten

Ich und die anderen

„Es ist neun Uhr! Alle zur Projektbesprechung in mein Büro!” rufe ich aufmunternd in den Flur und setze mich an meinen Schreibtisch. Hochmotiviert, mit Blick auf die Tür. Dabei weiß ich ganz genau, dass ich auch heute vergeblich warten werde – und am Ende doch wieder alles alleine mache. Denn das Team, das bin ich. Nur ich.

Das Meeting halte ich deshalb auch relativ kurz. Als Geschäftsführerin gebe ich die absurde Deadline weiter, die ich gestern dem Kunden versprochen habe. Die Seniortexterin in meinem Kopf stöhnt genervt, die Juniortexterin schnappt entsetzt nach Luft. In der Rolle der Marketingleitung grinse ich fröhlich „Hey, no problem. Keep cool. Das ist unsere USP!”. Den Finanzvorstand mit seinen Bedenken wegen der fehlenden Auftragsbestätigung würge ich einfach ab. Ich muss jetzt wirklich anfangen. Wenn ich mich dennoch bei prokrastinierenden Tätigkeiten erwische, setze ich sofort mein Chefgesicht auf und schicke die Praktikantin Kaffee holen.

Lange Zeit fand ich diese Besprechungen nicht bedenklich, sondern konstruktiv. Die Kollegen in meiner neuen Selbsthilfegruppe sahen das anders: „So hat es bei mir auch angefangen!“ rief einer. Eine Frau murmelte nachdenklich etwas von multipler Persönlichkeitsstörung. Man einigte sich zu meiner Erleichterung vorerst auf die Diagnose „Selbstgespräche“, beschloss jedoch, dass ich sofort etwas dagegen unternehmen musste. Als Neuzugang in der Gruppe der anonymen HONOS (Home Office, NO Staff) hielt ich mich zunächst mit Gegenkommentaren zurück. Aber die so kritischen Teilnehmer hatten bestimmt auch letzte Woche ihren Drucker angeschrien, ihr Moleskine gestreichelt oder zu ihrer Lesebrille gesagt: „Na, dich muss ich aber auch mal wieder putzen!“

Da ich aber etwas lernen wollte, hörte ich mir die vielen Ratschläge der Betroffenen an, wie ich der drohenden einsamkeitsinduzierten Psychose entgehen könnte. Ich sollte jede Gelegenheit nutzen, um mit Menschen zu reden. Akquirieren, Netzwerken, Kooperieren – das sei der Schlüssel. Jeden Tag einmal vor die Tür gehen. Ich schrieb eifrig mit.

Seitdem ist nichts mehr wie es war. Der Kontakt zu meinen Kunden ist viel intensiver geworden, weil ich jedes Gespräch nutze, um mit ihnen meine Geschäftsstrategie zu diskutieren oder sie über wichtige private Ereignisse zu informieren. An der Käsetheke bilden sich hinter mir lange Schlangen, weil ich die Verkäuferin in eine wirklich interessante Diskussion über die Herstellung von Manchego verwickele. Freunde, die in ihrer Mittagspause nur kurz telefonisch einen Termin absprechen wollten, erhalten einen detaillierten und packenden 45-Minuten-Bericht über mein Leben in den letzten drei Tagen. Ja, und auch der Postbote grüßt aufmerksam, wenn er mich privat in einem ganz anderen Stadtviertel im Supermarkt trifft, weil er inzwischen meine sämtlichen Krankengeschichten auswendig kennt.

Auf diese Weise habe ich es tatsächlich inzwischen geschafft, mit meinen internen Selbstgesprächen komplett aufzuhören. Ich bin sehr stolz. Also, jedenfalls ist mir das schon lange nicht mehr passiert. Doch gestern! Nein! Doch! Nein. Doch, habe ich genau gehört. Nein! Doch! Ey. Ruhe da hinten! Keep cool. No problem.

--

Nachtrag: Die Gewinnerinnen des 1. TTSW stehen fest, die Namen der Autorinnen werden nun bekanntgegeben. Wer diesen Text geschrieben hat, steht links unter dem Artikel.

# | Tanja Schürmann am 02.11.10 | Druck |  »Glossen

Kommentare



Cool! Und zum ersten Mal glaube ich zu wissen, wer die Autorin ist. ;-)

# | Biggi Mestmäcker am 02. November 2010, 14:20

Und ich auch. Würde wetten, es ist ... (verrat ich erst nach Einsendeschluss. Aber dann sollten wir wirklichein Verfasserinnen-Rätsel machen).

# | Heike Abidi am 02. November 2010, 14:44

Ich hatte erst einen Verdacht, aber dann doch nicht ... ;-)

Klasse Beitrag, ich erkenn mich wieder. :-)

# | Tina Skulima am 02. November 2010, 15:00

Yep, so isses. So kann ein Gang ins Dorf zum Einkaufen schon mal anderthalb Stunden dauern, weil ja alle wissen wollen, wie's mir gerade geht.

# | Heike Baller am 02. November 2010, 15:13

Ich schicke mal meine „innere Praktikantin‟ zum Geschirrspüler. ;-)

# | Claudia Troßmann am 02. November 2010, 15:16

Herrlich!!! Kriege das Grinsen gar nicht mehr weg:)) Und so toll geschrieben - bin völlig begeistert.

# | Petra Marie Schmidt am 02. November 2010, 15:23

DAS kenn ich auch. Ich fang sogar schon an, zum Mülleimer zu gehen, wenn die Nachbarin den Hof fegt - vielleicht fällt ja ein kleines Pläuschchen ab....

Wo tagen denn diese HONOS? Ich will auch!

# | Tanja Schürmann am 02. November 2010, 15:35

Brillante Glosse!

Twitter ist als Abhilfemaßnahme bei derlei Störungen ja ideal.

Und ansonsten: Es hören ja doch nur die eigenen vier Wände. Und was ihr nicht wisst, macht euch nicht - ähh...

# | Katja Heimann-Kiefer am 02. November 2010, 15:50

Saugut! Die Beste bis jetzt! So abgefahren und doch so naheliegend ...

# | Kathrin Hentzschel am 02. November 2010, 17:27

sCHÖNE gLOSSE! Und alles wahr....

# | Nessa Altura am 02. November 2010, 17:39

SUPER!!

# | Antje Ritter am 02. November 2010, 17:46

Irgendwie dumm, dass sich so eine multiple Persönlichkeit einen einzigen Körper teilen muss - das wäre sooo praktisch: Ich gehe im Park spazieren, während sich Persönlichkeit 2 mit dem Sch...text herumplagt und nach einer halben Stunde von Persönlichkeit 3 abgelöst wird, während Persönlichkeit 4 eine frische Tasse Kaffee/Tee vorbeibringt....

# | Birte Mirbach am 02. November 2010, 17:59

@Heike: Nee, Namen werden erst genannt, wenn die Gewinner feststehen, Jury und Abstimmung müssen wir also abwarten ... ;-)

Dann kann das Ratespiel kommen, die Idee find ich gut!

# | Andrea Groh am 02. November 2010, 18:22

Freu mich schon auf das Wer-hat-welche-Glosse-geschrieben-Spiel. Hier weiß ich es auch, denke ich ;-)

# | Katrin Zinoun am 02. November 2010, 18:31

@Katrin: Aber pssst ... ;-)

# | Andrea Groh am 02. November 2010, 18:42

Hach, so isses! Schliesslich ist der Mensch ja keine Insel.

# | Eva Maria Nielsen am 02. November 2010, 22:15

Stimmt! Genauso isses. Und Aufbrezeln für den Gang zum Bäcker. Du weisst ja nie, wem Du auf den 500 Metern begegnest ;-).

# | Renate Hermanns am 03. November 2010, 10:01

Klasse! Und ich hab auch so ne Ahnung, in wessen Body die multiplen Persönlichkeiten vereint sein könnten...

# | Jutta Scherer am 03. November 2010, 12:32

Ich wette, das Ding hat eins meiner Alter Egos geschrieben! Nur der Name ist mir grad entfallen.

# | Annette Lindstädt am 03. November 2010, 12:59

Supergut, und ein hervorragendes Ende ("Jaaa, finden wir auch!" "Ich auch!" "Und ich erst!")...

# | Britta Janzen am 03. November 2010, 15:53

Hab' ich mich doch erwischt! Und gerade eine Glosse von mir über mich gelesen, die ich noch gar nicht kannte ...

# | Bernd Austermann am 01. Dezember 2010, 08:22

Hervorragend..... die beste Glosse, die ich kenne, wie man täglich den 'inneren Schweinehund' überwinden und sich den Weg zum eigenen Erfolg öffnen kann!!!

# | Eva Noll-Hesse am 01. Dezember 2010, 10:21

Wie immer fleßend und amüsant zu lesen. Hach, und warum verstehe ich das nur so gut?...

# | Sabine Mattstedt am 01. Dezember 2010, 11:49

@Renate: Natürlich, aufbrezeln, auch auf dem Weg zum Bäcker. GERADE auf dem Weg zum Bäcker. Ich hab hier einen Ruf zu verlieren ;-)

# | Petra A. Bauer am 07. Dezember 2010, 19:35

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