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Glosse #27: Unter der Tarnkappe

Das ist der 27. Beitrag zum Texttreff-Glossenschreibwettbewerb. Die Glossen werden anonym eingestellt.

Beitrag zum Thema: Ich seh mich schon in zwanzig Jahren

Unter der Tarnkappe

In zwanzig Jahren bin ich Privatdetektivin. Meine Erfolgsquote wird sagenhaft sein. Niemals wird mich jemand entdecken. Ich muss mir keine Gedanken um meine Rente machen: Mein Alter hat goldenen Boden.

Schon immer wollte ich sehen, ohne gesehen zu werden. Ich habe mich sogar einmal in einer Detektei vorgestellt. Doch die lehnten mich auf den ersten Blick ab. Nicht mal als unbezahlte Praktikantin wollten sie mich haben. Dabei hatte ich drei Wochen geübt, lautlos auf Kreppsohlen zu gehen. „Schauen Sie sich doch an“, sagten sie. „Sie sind einfach nicht zu übersehen.“

Es stimmt: Ich falle auf. Warenhausdetektive folgen mir, mürrische Männer starren mich an, Babys brechen in Tränen aus, sobald ich in ihren Wagen schaue.

Resigniert studierte ich Soziologie. Wenn ich die Leute schon nicht beobachten darf, so kann ich sie wenigstens ausfragen. Aber dasselbe ist es nicht.

Ich hatte mich damit abgefunden, dass das Beschatten ein Hobby bleiben würde, als mich eine ältere Kollegin in die Weisheit des Alters einführte.

„Frauen ab sechzig sind unsichtbar“, sagte sie.

Ich sah die Kollegin klar und deutlich. Sie trug ein knallrotes Twinset, grüne Jeans und ihre Haare leuchteten orange. Dass sie über sechzig war, wusste ich genau.

„Ja, du siehst mich“, sagte sie. „Du bist eine Frau. Aber Männer bemerken mich nicht.“

„Das kann nicht sein …“

„Du meinst, weil sie mit mir zusammenarbeiten? Sie nehmen mich nur als Kollegin wahr. Ihre Mütter sehen sie natürlich auch. Doch auf der Straße schauen Männer durch mich hindurch. Ich muss ausweichen, wenn ich nicht angerempelt werden will.“

Diese Männer mussten farbenblind sein.

In den nächsten Tagen folgte ich älteren Frauen. Natürlich fiel ich ihnen auf, aber sobald sie merkten, dass ich offensichtlich harmlos war, zwinkerten sie mir zu und gingen weiter. Männer schenkten ihnen keinen Blick, obwohl die meisten dieser Frauen erheblich besser aussahen als ich. Es konnte nicht an ihrem Äußeren liegen. Sie hatten entdeckt, wie sie sich tarnen konnten. Seit Jahrzehnten arbeitete ich daran, mit dem Hintergrund zu verschmelzen, und sie konnten es einfach.

Alle befragten Frauen über sechzig haben mir bestätigt, dass sie für Männer unsichtbar seien. Sie tragen eine soziale Tarnkappe. Sie könnten sie abnehmen. Aber zumeist wollen sie das nicht und gehen unbehelligt durch Männertrauben.

Bei mir stelle ich bislang keinerlei Fortschritte fest. Zwar werde ich allmählich weitsichtig und meine Falten graben sich tiefer ein. Ich begrüße diese Veränderungen. Doch so genau ich mich im Spiegel auch betrachte, ich beginne nicht zu verblassen. Ich erwarte, dass es an den Konturen einsetzen wird, aber noch ist alles klar umrissen. Vielleicht werde ich selbst den Effekt gar nicht bemerken, schließlich bin ich eine Frau.

Noch lange Jahre, bis ich endlich sechzig werde. Meine zweite Karriere habe ich schon fest geplant. Ich werde eine selbständige Detektei führen, mit Schwerpunkt auf weiblicher Kundschaft im gehobenen Alter. Die wird ohne viele Worte wissen, wo meine Stärke liegt. Ich werde vor allem an Orten ermitteln, an denen es von älteren Männern wimmelt: in Führungsetagen, Aufsichtsräten, Sachverständigenrunden, kirchlichen Gremien. Herrensaunen schließe ich bislang aus ästhetischen Gründen aus. Bordelle werde ich wohl nicht umgehen können. Ich hoffe, dass die anwesenden Frauen für die gute Sache gerne beide Augen zudrücken.

Aus verständlichen Gründen erläutere ich diese Pläne vor allem älteren Frauen. Jüngere Frauen zweifeln an meinem Verstand. „Wieso“, sagen sie, „sollten all diese schönen, starken, bunten Frauen unsichtbar sein?“ Sie haben noch nicht verstanden, wie die Welt funktioniert.

Wenn ich einem Mann von meiner Altersplanung erzähle, schaut er mich verständnislos an. „Frauen über sechzig? Das soll ein Markt sein? Die gibt's doch kaum.“

--

Nachtrag: Die Gewinnerinnen des 1. TTSW stehen fest, die Namen der Autorinnen werden nun bekanntgegeben. Wer diesen Text geschrieben hat, steht links unter dem Artikel.

# | Katarina Pollner am 10.11.10 | Druck |  »Glossen

Kommentare



"Die gibt's doch kaum" - v.a. für die Herren, die selber über 60 sind? Sehr schön spitz.
Aber psst - ich kenne mindestens ein Gegenbeispiel ...

# | Heike Baller am 10. November 2010, 09:14

Boach, spannend!!! Klasse geschrieben! Die Wahl der besten Glosse wird schwer:)))

# | Petra Marie Schmidt am 10. November 2010, 09:25

Gute Glosse - gute Beobachtung. Ich gehe jetzt jedenfalls immer breit auf dem Gehsteig und weiche Männern nicht aus, um schon mal zu üben. Man erntet verblüffte Gesichter, tatsächlich.

# | Nessa Altura am 10. November 2010, 09:36

Was für eine coole Idee! Aber auch fürs Privatleben bietet sich für uns Weibsbilder ab 60 eine Neuorientierung an: Gucken wir doch einfach durch die anwesenden Herren hindurch. Werden wir lesbisch.

# | Petra Plaum am 10. November 2010, 09:38

[Sorry, schläft noch, daher kein Originell-Modus möglich]

Freue mich schon auf's Unsichtbarsein. Männer rempeln, das gibt 'nen Spaß! Vielleicht wären Teile eines Rugby-Outfits ganz praktisch? Und dann kriegen alle auf die Nuss, die ich während 60 Jahren auf die Liste gesetzt habe! Prollig, aber sehr befriedigend. ;)

# | Leo Altgruftipunk am 10. November 2010, 10:31

Sehr treffend! Bin zwar noch nicht 60, merke aber bereits jetzt die ersten Anzeichen. Boing, da war sie wieder die Tür!

# | Renate Hermanns am 10. November 2010, 10:54

Großartige Glosse! :-) (Ich sag das nur mal schnell außer Konkurrenz, ich hab den Pons schon.)

# | Tina Skulima am 10. November 2010, 11:09

Länglicher Einstieg, aber gut erzählte Pointe. Wie alt die Schreiberin wohl selber sein mag? Ob sie auf die 50 zugeht?

# | Eva Engelken am 10. November 2010, 11:17

Freue mich auf diese Zukunftsaussichten, wenn meine kurzsichtigen Äuglein die Tasten verfehlen, aber falkengleich in die Ferne spähen können.

Klasse Idee und toll geschrieben!

# | Kathrin Hentzschel am 10. November 2010, 11:54

Vielleicht hebt sich das ja wieder auf: Männer unter 35 sind als solche doch auch meist unsichtbar für uns Frauen :)

# | Daniela Warndorf am 10. November 2010, 18:11

Wunderschön geschrieben und eine super Idee!

# | Eva Maria Nielsen am 10. November 2010, 19:55

Heute wäre ich auch gerne unsichtbar gewesen statt mich eine Viertelstunde von einem Jungspund vollabern zu lassen, der mich eigentlich nur nach der Zeit fragen wollte...

# | Birte Mirbach am 11. November 2010, 01:23

Buuhuuuhuu! Kann ich dann auch in der Detektei mitarbeiten?

# | Jutta Scherer am 12. November 2010, 13:24

Diese Glosse hat bei mir wieder einen Eindruck aufgerufen, den ich im Blick auf die Gesellschaft schon seit langem hege: Es gibt drei Arten von Menschen: Männer, Frauen und alte Frauen. Aus Männersicht werden wohl nur die ersten beiden Arten (als irgendwie relevant) wahrgenommen, alte Frauen jedoch nicht. Die erscheinen wie eine Art "dritte Kategorie", die nur noch dann auffällt, wenn sie einem im Supermarkt an der Kasse im Wege stehen. Ist der jugendliche Liebreiz des Mädchens erst einmal verflogen und der Charme erotischer Souveränität der jungen, erwachsenen Frau aufgebraucht, scheint es in ein Stadium der Bedeutungslosigkeit überzugehen, die höchstens in der Funktionärseigenschaft als Ehefrau, Mutter, Tante oder Omi noch gerade so mäßig kompensiert wird. Es ändert aber nichts daran, dass alte Frauen in der Tat in einem gewissen Sinne (für Männer) unsichtbar sind. Wach zu sein und sehen, aber nicht (mehr) gesehen zu werden, ist da eine ideale Voraussetzung für den Job der Privatdetektivin, die unter Männern auskundschaften soll ... -;))

# | A. B. Weber am 02. Dezember 2010, 11:13

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