Mittwoch, 31. März 2010

Jurorin sein: Ein Blick hinter die Kulissen eines Schreibwettbewerbs

In einer Jury sein, Jurorin sein – wie kommt man dazu, wie ist das, macht das Spaß? TT-Blog hatte die Gelegenheit, gleich drei Jurorinnen eines Schreibwettbewerbs danach zu fragen. Die Texttreff-Fachfrauen Ines Balcik, Heike Schmidt-Abidi und Julia Dombrowski waren in der Jury des Schreibwettbewerbs für Kinder und Jugendliche auf Kandil.de, über den hier bereits berichtet wurde. Fragen und Antworten, los gehts:

Welche Vorgeschichte hat dieser Wettbewerb?

Ines Balcik: Vor zehn Jahren gab ich das erste Mal mit Schokolade gefüllte Ramadankalender für Kinder heraus. Damals überschnitten sich Adventszeit und Ramadan. Mit den Kalendern wollte ich ursprünglich nur meinen eigenen Kindern ihre türkisch-islamische Seite schmackhaft machen im wahrsten Sinne des Wortes. Aus dieser Idee entwickelte sich das Informationsportal Kandil.de, das dieses Jahr sein 10-jähriges Bestehen feiert.
In den Medien wird sehr viel über Integration geschrieben. Der Schreibwettbewerb enstand aus der Idee heraus, jungen Menschen direkt eine Stimme zu geben und zu erfahren, was ihnen am Herzen liegt.

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Wie ist Euer Resümee?

Ines Balcik: Ich war sehr gespannt, wie viele Einsendungen überhaupt kommen würden. Zunächst gingen die Beiträge nur zögerlich ein. In den letzten Tagen kamen noch einmal richtig viele Beiträge. Zu der Zeit war ich im Urlaub und Julia Dombrowski, die die Eingangsbestätigungen verschickte, hatte richtig viel Arbeit damit.
Sehr gefreut habe ich mich über die große Bandbreite der Beiträge: Manche schreiben über Fantastisches, andere über ihre Zukunftsängste, über Freundschaft, Alltag oder Fremdheit, um nur einige Themen zu nennen. Sachliches, Philosophisches, Unterhaltsames, Lyrisches – für jeden Geschmack ist etwas dabei.
Und genau das war das Problem für die Jury: Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es so schwierig sein würde, die Gewinner auszuwählen. Für mich hat jeder Text seine ganz eigene Schönheit. Letztlich musste ich als Mitglied der Jury erkennen, dass unsere Auswahl sehr subjektiv ist, so sehr wir uns auch um objektive Bewertungskriterien bemüht haben. Darin liegt eine große Verantwortung den jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmern gegenüber, das ist mir sehr bewusst.
Ich sehe jetzt TV-Sendungen, in denen junge Leute durch eine Jury bewertet werden, mit ganz anderen Augen.

Heike Schmidt-Abidi: Als Ines Balcik mich fragte, ob ich Lust hätte, Jurymitglied zu werden, habe ich mich riesig gefreut. Ich habe selbst als Kind gerne Geschichten geschrieben und war sehr neugierig darauf, wie junge Menschen das heute tun, welche Themen sie bewegen, wie sie sich ausdrücken, welche Ideen sie haben.
Allerdings hätte ich es mir nicht so schwierig vorgestellt, die Wettbewerbsbeiträge zu beurteilen. Natürlich gab es welche, zu denen ich leichter einen Zugang fand als zu anderen, aber alle Geschichten waren interessant und lesenswert – und zugleich sehr unterschiedlich. Einige Teilnehmer haben mit ihrem tollen Schreibstil überzeugt, andere durch fantasievolle Ideen, wieder andere haben mich dadurch beeindruckt, wie authentisch ihre Geschichten sind und wie offen sie preisgeben, was sie im tiefsten Inneren bewegt.
Schockiert war ich teilweise von den Themen, die angesprochen wurden. Missbrauch kam ebenso vor wie Einsamkeit, Zukunftsangst, Ritzen, Drogen oder Mobbing. Aber es wurde auch von Liebe geschrieben und Solidarität, Menschlichkeit und Toleranz.
Oberflächlichkeit ist etwas, was man den Teilnehmern nun wirklich nicht vorwerfen kann. Alle, selbst die jüngsten Teilnehmer, haben sich viele Gedanken gemacht und kamen dabei zu so wichtigen Erkenntnissen wir: „Mach was aus deinem Leben und nutze jede Chance. Sei verantwortungsbewusst und aktiv. Die Zukunft ist, was du draus machst!“ Das klang als Botschaft in vielen Beiträgen an, was mich sehr gefreut und beeindruckt hat.

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Julia Dombrowski: Ich fand es großartig, als Ines Balcik mich fragte, ob ich der Jury angehören möchte. Ich war noch nie Jurorin, bloß mal lebendiges Applausometer während eines Satireabends. Nein, im Ernst, ich war wirklich ein wenig aufgeregt vorher – hätte mir allerdings nicht träumen lassen, wie schwierig die Aufgabe dann sein würde. Die Beiträge waren unheimlich unterschiedlich, es gab ja keinerlei thematische Vorgaben – manche haben sich mit ernsten Themen auseinandergesetzt wie Mobbing in der Schule, Ausgrenzung, Machtmissbrauch, Zukunftsängsten. Andere haben ganze Fantasiewelten erschaffen, wieder andere sehr unterhaltsam und launig geschrieben. Diese Texte gegeneinander abzuwägen, war richtig, richtig schwierig. Entschieden haben wir letztlich danach, wie sehr uns Texte berührt haben, weil sie entweder sehr fantasievoll oder sehr reflektiert waren – oder sogar beides.
So viel Spaß mir die Auseinandersetzung mit den Beiträgen gemacht hat, so sehr bedaure ich, dass jede Entscheidung für einen Text gleichzeitig bedeutete, dass dafür ein anderer ausscheiden musste, der mich ebenfalls angesprochen hatte. Nein, leicht war es nicht.

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Im September findet in der Nähe von Frankfurt am Main eine offizielle Abschlussveranstaltung statt, bei der das Buch zum Wettbewerb vorgestellt wird – TT-Blog wird berichten!

# | Andrea Groh am 31.03.10 | Druck
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